Psychology

History

Science

Neurology

Christianity

MBTI

Aliens

What's New?

HomeIndexForumLinksDownloadsContact

ArabicI.P. Friesen

Meine Reise nach Palästina

Von I. P. Friesen

Druck von The Christian Press, Limited, Winnipeg, Canada.

Vorwort

Indem ich von der Jugendorganisation ersucht wurde, meine Erinnerungen an die Reise ums Mittelmeer, so wie ich sie damals machte und beschrieben habe, ihnen zur Verfügung zu stellen, so will ich solches hiermit tun. Sie hoffen, dadurch Mittel zur Unterstützung der Bibelschule und des Invaliden und Kinderheims in Rosthern zu erlangen. Mit dem Bewußtsein, daß der treue Gott auch das Geringste, wenn es in Seinen Dienst gestellt und zu Seiner Ehre getan wird. segnen kann, habe ich mich zur Herausgabe dieses Büchleins entschlossen.

Die Reise war sicherlich sehr interessant, und, wenn man es auch nur teilweise so, wie ich es gesehen, beschreiben könnte, würde es lesenswert sein; besonders weil das Heilige Land damals noch unter türkischer Herrschaft stand. Es War nicht entwickelt wie jetzt, sondern es war wohl noch ziemlich so, wie zu der Zeit, als der liebe Heiland dort wandelte.

Dann möchte ich sagen, daß ich manche genauen Beschreibrungen und Zahlen Bädeckers „Reisehandbücher“ und auch Ninks „Auf Biblischen Pfaden“ entnommen habe. Diese Leitbücher sind ans solchen Reisen unentbehrlich.

Die Reise ins Heilige Land, nach dem Jerusalem hienieden, die können wir nicht alle machen. Doch, Gott sei Lob und Dank, die Pilgerfahrt nach dem himlischen Jerusalem, dem Heim der Erlösten, die können und wollen wir alle machen, nicht wahr? Der Weg dorthin fängt beim Durchdringen durch die enge Pforte der Wiedergeburt an, und dann gilt es ein beständiges Wandeln auf dem schmalen Wege, durchs Tal der Tränen, an Jesu hand, bis wir am Ziele sind. Gott möchte uns die Kraft dazu schenken!

I. P. Friesen.

1102 Spadina Cr.

Saskatoon, Saskatchewan.

Reiseerinnerungen

Indem das Interesse für Palästina, besonders unter unseren Volke, in letzter Zeit wieder sehr rege geworden ist, habe ich mich entschlossen, diese Erinnerungen wiederzugeben. Mein Wunsch und Gebet ist, daß dieses dazu beitragen möchte, daß wir dadurch näher zu Ihm hingezogen werden; das wir Ihn mehr lieben möchten, den Heiland, der uns so teuer erkauft, ja sein Blut und Leben in dem Lande, das wir nun im Geiste besuchen wollen, für uns geopfert hat.

Wenn ich einen Versuch machen will, einige Erfahrungen und Beobachtungen, die ich während dieser unstreitbar sehr interessanten Reise gemacht habe, in Worte zu kleiden, so geschieht dies mit dem Wunsche, daß die Erinnerungen dessen, was sich in dem Lande, das eigentlich das Ziel meiner Reise war, nämlich das Heilige Land, zugetragen hat, mehr in uns dadurch geweckt werden möge. Dies ist der Wunsch des Schreibers. Der farbenreiche Orient, die Mannigfaltigkeit desselben, das Leben und Treiben seiner Bewohner, könnte ich das, was ich davon gesehen habe, in Worte kleiden, dann würde es wirklich interessant sein. Indem ich nun einen Versuch machen will, so tue ich dies im Bewußtsein, daß es mir nur teilweise gelingen wird.

„In Worte kann ich’s nimmer fassen,
Wie ich’s im Geist noch heut´ kann sehn,
Das bunte Bild auf engen Straßen,
Die Kirchen, Schlösser und Moscheen.“

Es war für mich ein wichtiger Tag, der 2. Januar, 1910. Galt es doch, Abschied zu nehmen von den lieben Meinen, stand ich doch im Begriffe, eine lange Reise, die immer Gefahren verschiedener Art in sich birgt, anzutreten. Die von mir zurückzulegende Meilenzahl der Reise, die vor mir lag, das Meer mit seinen Untiefen, Nebel und Sturm, die Züge, die Brücken, die oft gefährlichen klimatischen Wechsel, Krankheiten usw. —— alles dies stand klar und deutlich im Geiste vor mir, als ich die Stufen meines Hauses hinabstieg. Würde ich glücklich heimkehren, diese Stufen wieder hinaufsteigen, würden die Meinen vollzählig hier sein, mich zu empfangen?

Meine Familie begleitete mich zum Bahnhof. Bald saß ich im Zuge. Die Reiße war angetreten; über Winnipeg, St. Paul, Chicago ging es nach den Niagarafällen, der ersten Sehenswürdigkeit. Won dort nach Montreal, wo ich mich längere Zeit aufhielt. Nachdem ich meinem Paß erhalten hatte, und derselbe vom türkischen Konsul visiert worden war, ging´s nach New York. Als ich in Montreal von den lieben Freunden, mit denen ich bis dahin yusammen gefahren war, Abschied nahm, und bald darauf im Schnellzug davoneilte, überkam mich ein Gefühl der Einsamkeit: ohne Bekannte, ohne Freunde sollte ich die lange Zeit sein. Da kamen die amerikanischen Einwanderungsbeamten mit ihren bekannten Fragen. Ein in der Nähe sitzender Passagier antwortet auf ihre Frage, ob er in de Vereinigten Staaten zu blieben gedenke: Nein, ich fahre vorläufig nach Jerusalem und dann wieder nach Kanada. Gottlob, ein Riesegefährte. Im Nu waren wir bekannt, es war ein gewisser herr Doulton aus Britisch Columbien, und auch er schien froh, einen Reisegefährten gefunden zu haben. Ich habe in ihm von der Zeit an, bis zu unserer Trennung, einen lieben, treuen Freund gehabt und auch auf dem Schiff habe ich viele gute und edle Freunde schätyen gelernt. In New York angekommen, nahmen wir in Knickerbocker Hotel Wolkenkratzern steht diese Stadt wohl einzig in der Welt da. New York sieht man am besten, wenn man sich eines der großen Wagen bedient, die täglich unter Führung eines mit den Verhältnissen vertrauen Führers durch die Stadt fahren. Dieser erklärte alles Interessante während der Fahrt, und man weiß, was man sieht. Eine Fahrt führte durch den Residenzteil der Vornehmen, oder besser gesagt, der Vierhundert Millionäre von New York, und man sieht dort Gebäude, die wirklich großartig sind. Eine zweite Fahrt zeigte uns das Gegenteil. Sie ging durch die Bowern, diesen bekannten armen Stadteil, den Schlupfwinkel der Verbrecher der Großstadt.

Das Interessanteste aber war mir die mitternätchliche Speisung der Hungrigen. Punkt 12 Uhr nachts beginnt sie. Jeder, der vor einem bestimmten Hause vorspricht, erhält einen halben Laib trockenen Brotes herausgereicht, und allmählich sammelt sich eine lange Reihe Menschen und wartet aus die Mitternachtstunde. Im Gänsemarsch ziehen sie vorüber, ein jeder hält sein Stück Brot in der Hand, die meisten machen sich gleich daran, es zu verzehren. Es scheint mir eine gute Einrichtung zu sein, denn nur wirklich Notleidende dürften sich wohl die Mühe machen, zu dieser Stunde danach zu kommen.

Am Abend des 19. Januars ging es an Bord des Schiffes denn schon am nächsten Morgen 6 Uhr sollte es die Anker lichten. Die „Arabic“, die für die nächsten Monate unser Heim sein sollte, lag ruhig und unbeweglich da, während noch in aller Eile die letzten Vorbereitungen für die lange Seereise gemacht wurden. An diesem Platze hatte noch vor Jahresfrist die „Republic“, ein Schwesterschiff der „Arabic“, gelegen; auch sie war zu einer Mittelmeerreise ausgerüstet worden und hatte wahrscheinlich unter Glückwunschrufen und Tücherschwenken den Hafen verlassen, um, wie es wohl allen noch in frischer Erinnerung ist, bald auf dem Meeresgrunde zu ruhen. Obzwar, dank der drahtlosen Telegraphie, die meisten Passagiere gerettet wurden, so gingen doch mehrere mit in die Tiefe. Diese und ähnliche Gedanken beschäftigten mich, als am nächsten Morgen die Ankerketten rasselten, als die „Arabic“ sich langsam in Bewegung setzte, während am Ufer, obwohl es noch in früher Morgenstunde war, eine nach Hunderten zählende Menschenmenge uns ihr letztes Lebewohl mit auf die Reise gab.

Ehe wir aus dem Hafen kamen, erhielt der Kapitän eine drahtlose Depesche, daß noch einige Passagiere zurückgeblieben waren, und daß er einige Stunden anhalten sollte. Dies geschah auch, und, nachdem die Nachzügler an Bord gebracht worden waren, setzte sich das Schiff wieder in Bewegung, um erst bei der Insel Madeira wieder anzuhalten. Die See war am ersten Tag der Reise ziemlich ruhig, und, wenn nicht die Maschinen mit ihren unheimlichen Stößen die wie der herzschlag eines Riesen arbeiten, gewesen wären, so hätte nichts verraten, daß wir uns in voller Fahrt befanden. Wir waren etwas über 400 Passagiere auf dem Schiff; jede kanadische Provinz, sowie jeder Staat der amerikanischen Union waren vertreten. Alle hatten dasselbe Reiseziel. Die ersten Tage wurden meistens dazu benutzt, um Bekanntschaften anzuknüpfen.

Lautlos glitt die „Arabic“ dahin, so weit das Auge reichte, nichts als Wasser. Wir waren noch keinem andern Schiff begegnet; selbst die Seemöven hatten uns verlassen; wir befanden uns in der Einsamkeit des Meeres. Das Schiff hatte stets drahtlose telegraphische Verbindung mit dem Festlande; die Gebühr war zwei Dollar für zehn Worte, nach irgend einem anderen auf See befindlichem Schiff sechzehn Cent das Wort.

Am dritten Tage schlug das Wetter um, ein starker Südwestwind setzte ein, die See ging hoch. Es war Sonntag. Im vorderen war protestantischer und im Aft-Salon katholischer Gottesdienst. Es ist ein ergreifendes Gefühl, das Wort Gottes auf dem schwankenden Schiffe zu hören und zugleich durch die geöffneten Fenster die schaumgekrönten Wogen zu sehen. Im Geist versetzte ich mich zurück, weithin über die schäumenden Wellen. Aber nicht am Ufer bleiben meine Gedanken haften, noch Tausende von Meilen weiter gehen sie, über Berge und Täler, Eis und Schnee, hin zu den Meinen. Fast wähne ich, sie zu sehen, ihre Stimmen zu hören und Heimweh beschleicht mich.

Immer höher ging die See, und als wir uns abends niederlegten, wurden wir förmlich in den Schlaf gewiegt. Am nächsten Morgen schien der Sturm seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Die See war so ausgewühlt, daß die Schrauben oft aus dem Wasser kamen, was ein dröhnendes, das Schiff in allen Fugen erschütterndes Geräusch verursachte. Gegen Abend ließ der Sturm nach. Da wir seit unserer Abreise noch keinem anderen Schiff begegnet waren, wahrscheinlich wohl, weil wir einen mehr südlichen Kurs hielten als andere nach Europa gehende Schiffe, so war es selbstverständlich, daß, als gegen Abend der Ruf „Schiff in Sicht!“ erscholl, wir alle auf einen dunklen Punkt in der Ferne blickten. Kein Rauch stieg davon auf, keine Segel blähten sich im Winde. Wir steuerten darauf zu, und als wir in die Nähe kamen, welch ein Anblick! Ein Dreimaster war’s, aber ein hilfloses Wrack. Die schäumenden Wogen schlugen hoch über Deck hin. Alles, was sich einst darauf befunden hatte, wie das Steuerhäuschen usw., war fortgeschwemmt; es schien, als würde es jeden Augenblick untergehen. Was war in dem Schiff? War es ein Totenschiff? Hatte die Bemannung es verlassen, oder lagen vielleicht unten, mit dem Hungertode ringend, noch Menschen? Da kein Notsignal zu sehen war und es auch bei so hochgehender See unmöglich war, das Schiff zu besteigen, so ließen wir das unglückliche Wrack zurück, ohne es untersucht zu haben.

Am nächsten Morgen war schönes, klares Wetter, die Temperatur war sehr gestiegen, ein Zeichen, daß wir uns schon weit südlich befanden. Lauwarme Tage und sternklare Nächte brachten uns schon einen Vorschmack von dem, was wir zu erwarten hatten. Besonders schön war es abends, wenn der Vollmond die weite, unabsehbare Wasserfläche beleuchtete, wenn die Schrauben wie im flüssigen Silber arbeiteten, einen langen, weißen Streifen zurücklassend. In Gedanken verloren, konnte man sich stundenlang diesem Genuß hingeben.

So lange stand ich sinnend schon,
Und schaute immer wieder
Wie träumend auf den Wogengesicht,
Dort hinter uns hernieder.
Und endlich kann ich dich verstehn,
Du sanftes Wellenrauschen,
Ich soll an dir ein Beispiel sehn
Und deiner Predigt lauschen.
Sollst du unendlich großes Meer
Vergnügt ein Loblied singen,
Und ich, ich sollte freudenleer,
Nicht Gott die Ehre bringen?
Hab´ Dank, du weißer Wellengischt,
Habt Dank, ihr schönen Wogen,
Mein Herze fühlt sich aufgefrischt,
Zum Frohsinn hingezogen.

Am nächsten Morgen, während ich noch im Bette lag, hörte ich den Ruf: „Land in Sicht!“ Wie rasch das Unkleiden ging. Hinauf aufs Deck! Eben wollte die Sonne aufgehen, milde Frühlingsluft wehte. Deutlich waren schon die Umrisse einer Insel sichtbar, steil, oft senkrecht, stiegen die Berge aus den Fluten aus. An den steilen Abhängen hingen oder lagen Unmengen weisser Steine mit roter Oberfläche. Durch das Fernrohr betrachtet, entpuppten sich diese Steine als Häuschen der Bewohner, was wir beim Näherkommen bestätigt fanden. Da ging die Sonne auf, die jetzt schon mehr in die Nähe gerückte Insel in feurige Glut, wie in flüssiges Gold tauchend.

Madeira, eine portugiesische Besitzung, lag vor uns, 2750 Meilen südöstlich von New York und 600 Meilen westlich von Gibraltar. Die größte, am Abhange eines Berges gelegene Stadt, heißt Funchal. Das Klima ist sehr milde. Warmer Sonnenschein, sanfte Meeresbrisen, sowie der Schutz der Berge gegen die kälteren Nordwinde geben Funchal das ganze Jahr hindurch Frühlingswetter. Die Insel ist sehr gebirgig mit tiefen, landeinwärts gehenden Schluchten.

Arrival in Alexandria

Wir stiegen die lange Schiffstreppe hinab in das kleine Schiff, das uns ans Land brachte. Eine Reihe von merkwürdig aussehenden Fuhrwerken stand bereit, sogenannte Bullockschlitten mit zwei gepolsterten Sitzen und buntem Verdeck versehene, von zwei Ochsen gezogene Schlitten. Die zwei Führer, die dieses Fuhrwerk leiten, sprechen gewöhnlich im Flüsterton zu den Tieren, den man weit hören kann. Einer von ihnen hat einen schmierigen Lappen, den er ab und zu vor die Kufen des Schlittens wirft und dieselben auf diese Weise ölt, damit er leichter fährt. In einem solchen Fuhrwerk machten wir die Rundreise durch die Stadt. Langsam geht die Fahrt. Doch warum auf Madeira auch Eile haben? Eine noch gemütlichere Art der Beförderung ist, wenn man sich in einer Art von Sänfte tragen läßt. Das Vergnügen kann man sich für wenige Cent per Stunde leisten. Die Straßen gewähren ein fremdartiges Bild. Die Fenster der Wohnhäuser sind mit starken Eisengittern, wie an Gefängnissen, versehen. Mitten in der Stadt rauscht in einer tiefen Schlucht, über die eine Brücke führt, ein Bergstrom dem Meere zu. Dort sieht man Frauen Wäsche waschen und aus den Steinen zum Trocknen ausbreiten.

Am Fuße eines steilen Berges stiegen wir nun aus dem Ochsenschlitten in die Waggons einer Zahnradbahn, die uns den steilen Berg hinaufbrachte. Welch ein herrliches schönes Bild eröffnete sich unserem Auge, als wir ausstiegen. Terassenförmig die Anlagen, mit Blumen bedeckte Häuser, Gärten mit Zuckerkorn, Bananen- und Apfelsinenbäumen, Palmen und Blumen überall. Kinder liefen mit dem Zuge mit, Blumen durch die geöffneten Fenster werfend, ein Geldstück dafür erwartend. Welch eine Aussicht von jener Höhe auf die Gärten, die Stadt, den Hafen und den Ozean!

Die Abfahrt war interessant und aufregend. Durch eine enge, mit Steinen ausgelegte Straße, in einem Korbschlitten, wie auf dem Eise, sanften wir hinunter. Zwei Männer leiteten die Schlitten; meistens nebenher laufend, zuweilen aber auch an dem Gefährt sich festklammend, bugsierten sie dasselbe um die verschiedenen Ecken. Es war eine zwei Meilen lange wilde Fahrt. Nach dem Mittagessen ging die Rundreise weiter. Die alte, auf einem steilen Felsen erbaute Festung, die Kasernen sowie auch das Kasino wurden besichtigt. Auch der Ort, wo Christoph Columbus getraut worden sein soll, wurde uns gezeigt. Abends gab es zu Ehren der amerikanischen Gäste im Kasino ein Begrüßungsfest. Die Gärten waren zu diesem Zweck verschwenderisch illuminiert; jeder Baum, jeder Strauch war mit kleinen brennenden Lämpchen behangen; ich zählte über 200 derselben an einem einzigen Baum, ein ganzer Wald von Christbäumen.

Die Nacht wurde an Bord verbracht. Am nächsten Tage sahen wir auch u. a. den Markt, wo die verschiedenen Früchte und Gewächse, die aus der Insel wachsen, zum Verkauf ausgestellt waren.

Um 12:30 verkündet ein schriller, weithinschallender Pfiff von der „Arabic“, daß nur noch 30 Minuten bis zur Abfahrt des Schiffes sind. Alles eilt an Bord. Die Händler packen ihre Sachen an Dek zusammen und bieten ihre Waren noch im letzten Augenblick für weniger als die Hälfte des vorher verlangten Preises an. Dann ein weiterer langer Pfiff, das Zeichen zur Abfahrt. Rasselnd heben sich die Anker. Hinunter eilen die Händler, langsam setzt sich das Schiff wieder in Bewegung. Zahlreiche Boote folgen uns noch, deren Insassen im letzten Augenblick ein Geldstück oder sonst etwas ausfangen wollen. Langsam entschwinden die Häuser den Blicken. Kleiner wird die Insel, um schließlich am Horizont ganz in den Ozean uuterzutauchen.

Spanien.

Nicht nach Süden geht die Fahrt dieses Mal, sondern nach Norden, nach Spanien.

Am Morgen des 81. Januar lag die „Arabic“ im Hafen von Cadiz, Spanien, vor Anker. Obzwar die Luft etwas kühl war, so war es doch ein schöner, sonniger Morgen.

Spanien! So oft hatte ich davon gehört, so oft davon gelesen, jetzt war ich dicht an seiner Küste. Die Stadt Cadiz, die vor uns lag, soll über 1000 Jahre vor Christi Geburt gegründet und älter als Rom sein. Bilder der Vergangenheit ziehen an meinem geistigen Auge vorüber. Einst lag hier die stolze spanische Armada vor Anker, ging in die See und kam beutebeladen heim. Diese Macht ist dahin. Von einer Weltund Seemacht ist Spanien hinabgesunken, weit hinab. Seine Flotte ist vernichtet, seine Landmacht ist geschwächt. Großartige alte Befestungswerke zeigen noch die Spuren einstiger Macht. Hier bestieg ein Kolumbus, der kühnste aller Seefahrer, sein, wenn ich nicht irre, nur 60 Fuß langes Boot, um ins Ungewisse zu steuern, um die unbekannten Gefilde des Meeres zu erforschen. Sein Bemühen wurde mit Erfolg gekrönt, er entdeckte unser liebes Amerika. Jetzt, nachdem das alte, einst so mächtige Spanien kürzlich im Kampfe von dem, von seinen Söhnen entdeckten Lande, so gedemütigt worden war, kamen wir auf Besuch, wie würde man uns empfangen?

Nach dem Frühstück bestiegen wir die Dampfboote, die uns ans Ufer brachten. Die alte steinerne Landungsbrücke, wo die Boote anlegten, stand gedrängt voll von Menschen, wir mußten uns förmlich durchdrängen, bis spanische Soldaten, die mahrscheinlich zu diesem Zwecke anwesend waren, die Menge etwas auseinandertrieben. Bettler, Händler und Neugierige waren fast nicht loszuwerden. Am Ufer standen Kutschen und Führer bereit, und fort ging’s durch die alten, meistens nur 12 Fuß breiten, mit Steinen ausgelegten Gassen. Anstatt, wie bei uns in der Mitte höher, sind die Straßen dort in der Mitte niedriger, zur Ableitung des Wassers. Alt und verwittert sahen die Gebäude aus, meistens von Stein erbaut, und die Fenster in den unteren Stockwerken mit dicken Eisenstäben vergittert. Vor den schweren, bis 4 Zoll dicken, mit Nieten dicht durchzogenen Türen hingen sehr große, handgeschniedete Schlösser. Sie sahen mehr nach Gefängnissen aus, als nach Wohn und Geschäftshäusern.

Daß diese Stadt einst im Besitz der Mauren oder Mohren war, davon geben noch zahlreiche maurische Bauarten kunde. Höchst interessant ist das Leben und Treiben in den Straßen. Hier sieht man, wie eine langhaarige braune Ziege vor der Tür eines Hauses gemolken wird, der Käufer liefert sein Gefäß; und kann jede beliebige Quantität Milch kaufen, er ist somit sicher, die reine, unverfälschte Ware zu erhalten. Dort wird eine Kuh zu demselben Zweck durch die Straßen geführt.

On the Street in Jerusalem

Kleine Esel werden auch hier schon sehr häufig zur Gepäckbeförderung Verwendet. Mit Kohlen, Holz, Gemüse, Orangen, Wasser, Wein, ja, Bausleinen usw. werden diese, wie es scheint, sehr geduldigen Tiere, oft unter der Last fast zusammenbrechend, durch die Straßen geführt. Oft sitzt noch einer, zuweilen auch zwei Mann oben drauf.

Die Nacht verbrachten wir aus dem Schiff, und als wir am nächsten Tage wieder aus Land kamen, stand unser Speziellzug bereit, der uns nach Sevilla bringen sollte. Ehe der Zug sich in Bewegung setzte, wurden die Türen von außen geschlossen und an Stationen, wo der Zug 5 bis 10 Minuten anhielt, wieder geöffnet. Die spanischen Wörter, die an den Schildern bei den Bahnhöfen sind, merkt sich der Reisende notwendigerweise bald als: „Caballeros, Senoritas“ u. a.

Nachdem wir Cadiz und die angrenzenden Salzfelder hinter uns gelassen (es gibt nämlich große Anlagen zur Gewinnung von Salz in der niedrigen Ebene um Cadiz), wurde die Landschaft schöner, endlose Maulbeerhecken, schöne Orangengärten usw. wechselten ab mit grünen Getreidefeldern. Auf den Stationen, auf denen der Zug hielt, stellten sich auch sofort die üblichen Neugierigen und Verkäufer ein, unsere Kasse zu erleichtern und uns dafür etwas von ihren Sachen zu überlassen. Frauen mit Krügen voll Limonade, Körben mit Backwerk und dergleichen, priesen uns in uns unverständlichen Worten ihre Sachen an, während Männer viele andere Sachen zum Verkauf anboten. Es gab überall Bettler, und die Bevölkerung scheint im großen Ganzen arm zu sein. Wichtige Persönlichkeiten scheinen die Stationsvorsteher zu sein, und die Abfahrt des Zuges wird von ihnen sorgfältig überwacht. Nach dem in der Station ein Glockensignal ertönt, läuft derselbe die ganze Länge des Zuges ab, eine kleine Handglocke schwingend (die Lokomotiven haben keine Glocke), und schließt die Türen, dann kommt er zurück nach dem vorderen Ende des Zuges, ein heller Pfiff ertönt von der kleinen Lokomotive, und, nachdem dies zum zweitenmal geschieht, setzen sich die Räder in Bewegung. Die Waggons haben nur vier Räder, anstatt, wie bei uns, acht oder mehr.

Immer schöner wurde die Landschaft, und endlich waren wir in Sevilla. Diese Stadt liegt an den Ufern des Guadalquivir-Flusses auf einer breiten fruchtbaren Ebene. Es ist die Hauptstadt von Andalusien und hat ungefähr 200,000 Einwohner. Das Klima ist sehr mild, fast jeden Tag Sonnenschein. Frost ist höchst selten.

Als wir in Sevilla abstiegen, standen unsere Kutschen und Führer bereit, und fort ging’s durch die Straßen einer uns völlig fremden Stadt. Die Wagen hielten vor den Toren des Alcazar, der Wohnung des spanischen Königs, wenn er sich in Sevilla aufhält. Durch mächtige Tore, die Von Soldaten geöffnet wurden, traten wir in den Palast ein. Derselbe ist noch größtenteils von den Mauren erbaut, Wände und Fußböden sind mit dem schönsten Mosaik in verschiedenen Farben ausgelegt und in der Mitte ist ein Garten, wo die schönsten Blumen blühen im Schatten von Orangenbäumen voll goldgelber Frucht. Die königliche Familie sollte in einigen Tagen von Madrid eintreffen. In diesem Hause wurde uns das Zimmer gezeigt, wo die spanische Königin Kolumbus empfing.

Das nächste war die Kathedrale, ein Wunder der Baukunst. Dieselbe birgt Schätze von ungeheurem Wert, und oft hörte ich den Ausruf: „Wenn das Geld, das hier verwendet wurde, die Schätze, die hier noch liegen, unter die Leute kämen, wie vielen von diesen oft blinden Bettlern könnte damit geholfen werden.“

Das sogenannte Pilatus-Haus ist auch interessant, es ist von jemand, der dasselbe in Jerusalem gesehen hat, nachgemacht.

Das Leben und Treiben auf den Straßen war dem in Cadiz ähnlich, malerisch bunt und sehr interessant. Hier sehe ich, wie die Kastanien aus dem Feuer geholt werden und erinnerte mich des oft gebrauchten Ausdrucks, der soll für ihn die Kastanien aus dem Feuer holen. Nachdem uns noch manches andere gezeigt wurde, bestiegen wir den Zug. Es wurde uns vor der Abfahrt des Zuges ein langer Behälter mit heißem Wasser in jedes Abteil geworfen, die spanüsche Art der Zugheizung. Noch einen Tag mehr hatten wir in Spanien und die Zeit wurde gut ausgenutzt. Um neun Uhr abends verließ das Schiff den Hafen von Cadiz. Leb’ wohl, Spanien, ob ich dich je wiedersehen werde? Träumend schaute ich zurück nach dem immer mehr in die Ferne rückenden Ufer, lange noch leuchten die Lichter der Stadt zu uns herüber. Dumpf grollt das Meer, während die Sterne als freundliche Wegweiser hell auf uns herableuchten, Spaniens Küste entschwindet unseren Blicken. Die Lichter am Ufer erlöschen ganz sacht. Des Interessanten so viel lassen wir hinter uns. Hinaus dampft das Schiff in Nacht und Nebel. Obwohl wir uns wirklich stets weiter entfernen, schwebt man im Geist doch wieder so leicht zurück zum Lande. Man kann so manches dort lernen aus der Geschichte des Landes, ihrem Elend und Glück. Einst war dies der stolze Veherrscher der Meere, die spanische Flotte die stärkste in der Welt, zu Lande auch stellte es mächtige Heere, schien beides zu haben, Gewalt und Geld. Doch wie schnell wechselt das Glück oft hienieden. Seine Macht und sein Reichtum, alles ist dahin. Das Glück ist gewichen, im Krieg und im Frieden. Wer erblickt nicht den Finger des Höchsten darin?

Spät suchte ich meine Kajüte auf, um noch etwas auszuruhen, sollten wir doch am nächsten Morgen den Fels von Gibraltar sehen, und in die Meerenge, welche den atlantischen Ozean mit dem Mittelländischen Meer verbindet, einfahren.

Am 8. Februar frühmorgens ertönte ein schriller Pfiff unseres Schiffes. Wir wußten, was es zu bedeuten hatte. Alles eilte auf Deck. Vor uns lag in unsicheren Abrissen der Fels von Gibraltar. Lichtsignale wurden darauf gewechselt. sonst war alles unheimlich still. Rasch wichen die Schatten der Nacht, bald ging hell und klar die Sonne auf.

Langsam fuhr die „Arabic“, nachdem sie einige Signale mit der Signalstation oben auf dem Gipfel des Felsens gewechselt hatte, um denselben herum, dem Hafen zu. Die steile Seite des Felsens sah genau so aus, wie ich es oft auf Bildern gesehen hatte. Auf der anderen Seite aber war es lebendiger. Am Fuße des hier nicht mehr so senkrecht abfallenden Berges wurden weiße Häuser mit roten Dächern, grüne Rasen, Blumen und Gesträuch sichtbar. Dies mit dem blauen Himmel über uns, den weißen Segeln der kleinen Schiffe und dem düsteren Rumpf und schwarzen Schloten der Kriegsschiffe im Vordergrund, gaben dem Bilde Leben und Farbe. Jahrhunderte schon hält Großbritanien diese Festung, trotz der verschiedenen Versuche, die gemacht worden sind, ihm dieselbe zu nehmen. Napoleon belagerte mit den vereinten französischen und spanischen Streitkräften 4 Jahre lang Gibraltar, aber es war umsonst, und heute noch gilt es als uneinnehmbar. Stellenweise gewährt der Fels einen friedlichen Eindruck, aber man weiß, daß hinter den harmlosen Kaktusbüschen Schießscharten von mächtigen Batterien verborgen sind. Durch einen Tunnel, der durch Mauern von großer Dicke führt, kamen wir in die Stadt. Diese hat einschließlich der 5000 Mann starken Garnison eine Bevölkerung von ungefähr 23,000.

Die Stadt liegt auf einem schmalen Streifen unten am Fuße des Felsenß es geht sehr lebendig darin her. Die englischen Truppen in ihren Uniformen machten einen viel besseren Eindruck als die spanischen oder portugiesischen, die wir kurz vorher gesehen hatten. Araber und Mohren von der afrikanischen Seite, sowie Leute aus allen Weltgegenden belebten die Straßen. Während unseres Rundganges durch die Stadt kamen wir an den Trafalgar-Friedhof. Viele Offiziere und Soldaten, die in jener denkwürdigen Schlacht von Trafalgar aln 2. Oktober 1805 fielen, sind hier begraben. Wer nicht britischer Untertan ist, kann die eigentlichen Befestigungen nicht sehen. Wir Kanadier waren hier unseren Reisegefährten aus den Vereinigten Staaten voraus, und ich war glücklich genug, bis zur Hälfte des Felsens hinaufzugelangen, um so einen kleinen Begriff von der Stärke derselben zu gewinnen. Aus schwindelnder Höhe starren die Kanonen, über 2500, wie mir gesagt wurde, herab und beherrschen vollkommen die Meerenge. Ich war in dem alten maurischen Turm, der anno 700 erbaut wurde, und nun als Gefängnis benutzt wird. In den Vielen Schlingpflanzen und Kaktusbüschen, die in den Felseinschnitten wachsen, hausen wilde Affen, die selbst bis unten in die Stadt kommen und durch ihr komisches Geschrei viele Besucher erschrecken.

Die Vegetation ist, wo mit großer Mühe auf dem steinigen Boden Gärten angelegt sind, sehr üppig. Mächtige Dattelpalmen, Korkeichen und Granatbäume wechseln ab mit den schönsten Blumenbeeten. Hinter der Stadt ist ein kahler sandiger Streifen Landes. Es ist der neutrale Grund, der Britisch Gibraltar von dem spanischen Festlande trennt.

Wir bestiegen ein Fuhrwerk und fuhren über diesen neutralen Streifen. Derselbe wird auf der einen Seite von britischen Rotröcken, auf der andern von spanischen Soldaten streng bewacht. Die letzteren fahnden besonders auf Schmuggler.

Sobald wir wieder auf spanischem Boden waren, war es wieder das alte Lied. Blinde und verkrüppelte Bettler und Verkäufer von allerlei Sachen umringten uns und waren fast nicht los zu werden. Wir hielten uns denn auch nicht lange dort auf und bald waren wir wieder in Gibraltar.

Abends um 6 Uhr 20 Minuten kündete ein Kanonenschuß das Schlißen der Tore in der Mauer, die die Stadt umgibt, an jeder, der nicht einen Erlaubnisschein von der Polizei hat, muß dann die Stadt verlassen, wer aber solch einen Schein bat, für den werden die Tore zum verlassen der Stadt bis 11:30 Uhr geöffnet. Nach dieser Zeit bis Sonnenaufgang bleiben die Tore für jedermann geschlossen.

Abends bietet der Fels einen schönen Anblick. Während bei Tage Spiegelsignale benutzt werden, werden des Nachts Lirhtsignale gewechselt. Bald leuchtet dort ein grünes Licht auf, es wird beantwortet, dann ein helles, dann rote Lichter dazwischen spielen die blendenden Scheinwerfer der Kriegsschiffe im Hafen.

Der Hafen war sehr belebt. Schiffe aus allen Weltgegen den, wie die verschiedenen Flaggen auf denselben zeigten, schienen hier zu sein. Es sollen über 5000 Schiffe hier jährlich anlegen.

Abends 10:30 verließ die „Arabic“ Gibraltar. Die Musik spielte die englische Nationalhymne, „Drei Hochs für König Edward“, tönte es durch die Nacht.

Algier.

Als ich am Morgen des 4. auf Deck kam, war kein Land sichtbar. Das Schiff hielt einen südöstlichen Kurs, der Küste Afrikas zu. Die kurzen, oft sich überstürzenden, Wogen des Mittelmeeres gaben dem Schiff eine andere Bewegung, als die des Atlantischen Ozeans. Die meisten der Passagiere waren auf Deck und genossen die frische Seeluft. Am nächsten Morgen lag unser Schiff im Hafen von Algier, französisch Afrika.

Vom Meere aus gesehen bietet Algier ein interessantes Bild. Eine Stadt in weiß, weiß sollten die Kleider der Männer sein, die in ihren Booten unser Schiff umringten, weiß die weiten Pumphosen und Schleier der Frauen dort oben auf dem vielleicht 50 Fuß hohen, aus weißen Steinen gemauerten Boulevard.

Wir verließen das Schiff, und nachdem wir das Zollhaus passiert hatten, erstiegen wir die Stufen, die zum Boulevard führten. Ein Gefühl der Erwartung beschlich mich, als ich den Boden Afrikas, den dunklen Kontinent betrat. Auf dem Boulevard angekommen, welch ein Bild entfaltet sich da meinen Augen! Welch ein Lärm und Geschrei! Mohren, Neger und andere afrikanische Nationalitäten wogten durcheinander mit französischen Rothosen, den im französischen Kriege bekannt gewordenen Zuaven, in ihren weiten sackähnlichen Hosen, sowie dem roten Fez, mit langen fast bis zur Hüfte herabreichenden Zipfeln, sowie, natürlich, der jüdische Händler, oft im schäbigen Zylinderhut, bereit, ein Geschäftchen zu machen, sowie einige Europäer und Amerikaner. Gesichter vom schönsten Weis bis zum tiefsten Schwarz. Unsere Kutschen standen bereit und nun ging´s ans Sehen und hier auch ans Hören. Der neue Teil von Algiers ist schön und modern. Die weiten, gut gepflasterten Straßen und die meistens 4 stöckigen Geschäftshäuser, mit den überdachten Seitenstiegen, könnte man fast mit Paris vergleichen. Beim Winterpalast des Gouverneurs machten wir Halt. Da uns die Erlaubnis erteilt worden war, so gingen wir durch diese interessanten Räumlichkeiten. Es ist nämlich dies der Palast der „Deys“. Das Museum war das nächste. Dort hatte man einen Einblick in die Vergangenheit sowie Gegenwart dieses Erdteils.

Wir sehen da u. a. das Modell eines Körpers, und unser Führer erzählte davon folgendes: „Vor 350 Jahren lebte in Italien ein junger Mann namens Geronimo. Er wurde von den Mohren gefangen genommen, und weil er seinen christlien Glauben nicht verleugnen wollte, so wurde er zum Martertode verurteilt, nachdem seine Hände und Füße gebunden waren, wurde er lebendig in einem Behälter mit flüssigem Zement geworfen. Der Zement wurde langsam hart, und dieser Block wurde in eine damals im Bau befindliche Festung verarbeitet. Vor fünfzig Jahren wurde diese Festung zerstört und der Block mit dem Skelett gefunden. Dann wurden die Knochen herausgenommen und in die nun entstandene Oeffnung goß man ein Modell von Geronimos Körper.

Dann ging’s durch den alten Teil von Allgiers. Welch ein Gegensatz zu dem neuen, soweit Reinlichkeit in Betracht kommt. Da war das jüdische, sowie das arabische Viertel. Die Straßen waren oft so enge, daß keine Fuhrwerke hindurch konnten, und wir zu Fuß gehen mußten. Fensterlose Gebäude zu beiden Seiten, während oben die überhängenden Fenster von beiden Seiten fast über uns zusammenkamen. Der Geruch war kein angenehmer und die Gesichter der uns begegnenden Menschen waren keine freundlichen, und so hielten wir uns denn auch nicht länger als nötig hier auf. In einigen der engen Straßen waren Läden, und zwar so klein, daß der Eigentümer, der mit gekreutzten Armen auf dem Ladentisch saß und gemütlich seine Wasserpfeife rauchte, sich nicht von seinem Sitz zu erheben brauchte, um seine Kunden zu bedienen.

Die einheimischen Bewohner Algiers trugen lange weiße hemdartige Kleider, oft noch weiße Mäntel darüber, und weiße Turbans aus dem Haupte. Die mehr bemittelte Klasse hatte Kleidung von gutem Zeug, während die ärmere größere Kleidung trug, sowie aus Strick geflochtene Sandalen an den Füßen. Die armen oft schrecklich verkrüppelten Bettler waren fast nackend. Die Gestalt eines dieser Bedauernswerten wird mir stets vor Augen bleiben. Nackend, abgemagert, nur Haut und Knochen, sprang diese elendig verkrüppelte Gestalt auf allen Vieren, auf der Straße bettelnd herum.

Die mohammedanischen Frauen trugen lange weiße, sehr weite Pumphosen, eine Art weißen Umhängfels um ihren Kopf und weiße Schleier. Sie gewährten einen geisterhaften Anblick.

Unsere Fuhrwerke brachten uns auf den Gipfel eines Hügels, von wo wir eine herrliche Aussicht auf die Stadt und auf die Bai hatten.

Beirut-Damascus Train

Die botanischen Anlagen waren das nächste. Diese muß man sehen, um einen Begriff davon zu haben. Tropische Bäume, Pflanzen und Schlinggewächse waren da in Menge. Ganze Palmenalleen von allen möglichen Palmarten, einige breit, andere schlank und hoch, wiegten ihre Kronen mehr als 50 Fuß hoch im Winde. Dann wieder Alleen von Magnoliabäumen von großer Höhe. Dann gab es dort Bannabäume. Dieselben bilden, indem von den Aesten eine Art Ranke zur Erde fällt, die Wurzel faßt und sich bald wieder zu Stämmen entwickelt, ein förmliches Dickicht, einen undürchdringlichen Wald. Gewundene Pfade führen durch ein Dickicht von Bambus, dann zu einem Dickicht so düster und unheimlich, daß man sich förmlich im afrikanischen Urtoalde wähnt, wo man jederzeit der Mähne eines Löwen oder der zum Sprunge geduckten Gestalt eines Tigers gewärtig sein könnte.

Orangen und Zitronenbäume waren zahlreich und auf den Höhen, wo sich die Wohnungen der vornehmen Bewohner in Algiers befinden, war es prachtvoll. Palmen und Pfefferbäume begrenzten die breiten Straßen, hinter grünen Terassen an den Hügelabhängen und hinter Blumenhecken fast versteckt lagen prachtvolle Villen. Ja, Vegetation hat dieser Teil von Afrika, und das Klima soll auch sehr schön sein. Aber warum fühlt man keine Lust, hier zu bleiben? Warum sieht man hier fast keine freundlichen Gesichter? Düster und verbissen schauen die Eingeborenen in die Welt, Armut und Krankheit scheinen hier heimisch zu sein. Wo sind die rotbackigen Kinder, wie man sie zu Hause sieht, wo die kerngesunden Männer des Nordens?

Wir fuhren zu Mittag wieder zurück nach dem neuen Teil der Stadt. Hier sahen wir uns unter anderem auch die Läden an, die oft Eigentum eines Arabers sind. Es ist interessant zuzusehen, wie ein Handel abgeschlossen wird, denn es nimmt immer ein langes Schachern, bis man handelseinig wird. Gewöhnlich bietet der Käufer weniger als die Hälfte des verlangten Preises, geht weg und kommt wieder, bis man schließlich einig wird, oft für ein Drittel des geforderten Preises. Hat man aber erst mal einen Handel mit einem Araber gemacht, so gilt man als sein persönlicher Freund.

Viel Gemüse wird auch auf den Straßen verkauft, sowie Frucht; die frischen Datteln waren besonders schön. Brot wird auf der Straße bei Gewicht verkauft. Die Straßenhändler waren fast nicht loszuwerden.

Die Kaffeehäuser waren zahlreich. Die mohammedanische Religion verbietet nämlich den Genuß alkoholischer Getränke, statt dessen trinken die Anhänger Mohammeds sehr starken Kaffee und tun dies sehr oft. Die Kaffeehäuser sind nach der Straße hin offen, und so kann man sehen, wie die Kunden oft stundenlang mit gekreuzten Beinen dasitzen und behaglich ihren Kaffee schlürfen und ihre Wasserpfeife tauchen. Es scheint, daß die Leute in heißen Klimaten gemütlicher, man möchte sagen, fauler sind, als die Bewohner des Nordens.

Die Menschen von Algiers sind sehr religiös und man sieht, wie die Andächtigen sich bemühen, rein und tadellos in ihren heiligen Räumen zu erscheinen, Zum Unterschied von den spanischen Kirchen ist kein Schmuck darin, die Wände schmücken keine kostbaren Gemälde, billige Teppiche bedecken den Fußboden, aber doch darf kein Fuß eines Ungläubigen diese Teppiche betreten, entweder man muß beim Eintritt seine Schuhe ausziehen, oder sich von einein Bedienten die heiligen Pantoffel überziehen lassen, was wieder einen Bakschisch bedeutet.

Vor jeder Moschee ist ein Wasserbassin, und ehe die Gläubigen in die Moschee eintreten, baden sie ihr Gesicht, Arme, Hals und Brust und waschen sich die Füße, um dann zu warten, bis sie trocken sind. Dann nehmen sie ihre Sandalen und Unterkleider, gehen langsam hinein, neigen ihr Haupt zur Erde nieder und wiederholen es bis drei Mal, natürlich mit dem Gesicht nach Mekka gewandt.

Man sagte uns, daß es bei Tage ziemlich sicher in den Straßen von Algiers sei, aber es wurde uns geraten, beim Eintritt der Dunkelheit uns nicht viel auf den Straßen sehen zu lassen. Vor nicht sehr langer Zeit, sagte unser Führer, war dies ein Land von Piraten. Die schwarze Flagge führend, überfielen sie die Schiffe anderer Völker, raubten die Güter und führten, was nicht getötet wurde, in Gefangenschaft, um entweder ein Lösegeld zu erhalten, oder sie als Sklaven zu benutzen. Ein Wellenbrecher wurde uns gezeigt, woran 30,000 christliche Sklaven 3 Jahre gearbeitet haben sollen. Der amerikanische General Decatur befreite im Jahre 1815 alle in Algiers gefangenen Amerikaner. Als die amerikanische Flotte erschien, befürchtete der damalige Dey die Zerstörung Algiers, und erbot sich, die Amerikaner freizugeben, wollte aber wenigstens etwas dafür haben und verlangte Schießpulver. Der amerikanische Befehlshaber sagte darauf, wenn der Dey Pulver haben will, so soll er die Kugeln mit haben. Das half, und die Amerikaner kamen frei. Im folgenden Jahre setzte die englische Regierung die Befreiung von 12,000 christlicher Sklaven durch.

Im Hafen lagen Kriegsschiffe, und man muß wirklich staunen, wenn man aus nächster Nähe den Rumpf dieser Kolosse sieht und in den Schlund der Kanonen schaut, die düster und drohend herüberstarren.

„Bon Voyage“ war das Abschiedswort, hinüber gings zum Schiff. Die Händler, ihre letzte Gelegenheit wahrnehmend, vertraten uns förmlich den Weg, und man atmete erbetrat, das uns bereits eine zweite Heimat geworden war. leichtert auf, als man wieder den Boden unseres guten Schiffes Die Kapelle- spielte die französische Nationalhymne, an den Be festigungen ging’s vorbei und dem offenen Meere zu. Natürlich schaute man wieder zurück auf das Bild, das bald unseren Blicken entschwunden sein sollte. An den Masten der Schiffe im Hafen flatterten die verschiedenen Flaggen lustig im Winde, darüber die weißen Docks, an den Hügeln die Stadt in Weiß. Dörfer, grüne Felder und weit hinten das Gebirge.

Wer je Algiers besucht hat, wird nie das Bild beim Abschiede am Abend vergessen. Eben flammt das Licht auf im Leuchtturm, wir sind schon weit auf offenem Meere.

Malta.

Da unser nächstes Ziel die Insel Malta, das ehemalige Melita, war, so hatten wir nächsten Abend einen Vortrag von einem der Professoren über die Vergangenheit dieser Insel. Er sagte ungefähr folgendes: „Wenn Sie etwas von der historischen Vergangenheit wissen, so wird es Sie desto mehr interessieren, wenn Sie die Festungen, Kirchen usw., sehen und sich dann auch erinnern an die berühmten Ritter von Malta. Vor 1000 Jahren wurde der Orden in Jerusalem organisiert. Der Zweck war, Fürsorge und Unterkunft für die Pilger, welche kamen, um die heiligen Stätten zu besuchen. Er wurde von der christlichen Gemeinde unterstützt und alles ging eine Zeit lang sehr gut. Da aber die Unterdrückung der Türken zu groß wurde, so griffen die Ordensgenossen zu den Waffen, um die christlichen Rechte zu verteidigen, und durch religiösen Eifer angespornt, wurden sie bald als die größten Kriegshelden anerkannt. Nachdem die Kreuzfahrer erfolglos gewesen waren, wurden die Ritter von Palästina ausgeschlossen und bald nachher von der Insel Cypern vertrieben. Sie flüchteten nach der Insel Rhodes, wo sie 200 Jahre lang standhielten, trotz verschiedener Angriffe, die besonders von den Türken gegen sie unternommen wurden. Dann kam die Belagerung. Sechs Monate hielten sie tapfer stand. Endlich aber mußten sie der Uebermacht weichen und sich ergeben. In Anbetracht ihrer Tapferkeit aber durften sie in Ehren abziehen. Darauf zogen sie nach der Insel Malta, befestigten dieselbe und waren bald wieder in blutige Kriege verwickelt. Sie waren erfolgreich und erbeuteten Güter und Sklaven. Dies endete durch die Einnahme von Malta durch Frankreich im Jahre 1785 und die Insel wurde zwei Jahre später an England abgetreten.

Die Insel wird heute als Englands Auge auf dem Mittelmeer bezeichnet. Die Festungen sind sehr verstärkt, eine große Garnison ist stets dort. Der Hafen ist tief und der enge Eingang wird von drei mächtigen Festungen beschützt. Die Insel ist sehr dicht bevölkert. Nachdem noch bekannt gemacht wurde, daß unser Schiff am nächsten Morgen die St. Pauls Bucht langsam und so nahe wie möglich passieren würde, und daß ein Signal gegeben würde, sobald Wir uns diesem Ort nähern würden, begaben wir uns zur Ruhe, denn jeder wollte am nächsten Morgen in der Frühe die Bucht sehen, wo einst Paulus Schiffbruch erlitt. Wir waren jetzt wirklich auf biblischen Pfaden.

Ein langgezogener schriller Pfiff ließ uns am nächsten Morgen aufs Deck eilen. Ganz in der Nähe ragten steile Felswände aus dein salzigen Fluten auf, hoch spritzte die Gischt der Brandung daran empor. Da hielt das Schiff mehr dem offenen Meere zu, eine dünne Landzunge streckte sich vom Ufer aus schräg ins Meer. Obzwar die Fluten oft darüber hinweggingen, so war es doch eine ziemlich geschützte Bucht hinter der Landzunge. Diese Bucht war es, wo die geängstigten Schiffer, darunter der gefangene Paulus, hineinwollten. Aber da sie kamen an einem Ort, der auf beiden Seiten Meer hatte, das äußerste Ende der Landzunge, lief das Schiff auf und scheiterte. Die Mannschaft rettete sich nach dem nahen Ufer. Lebhaft steht die Geschichte vor dem geistigen Auge, wenn man einen solchen Platz geschichtlicher Ereignisse vor sich sieht. Fast sieht man das kleine Schiff mit den Wellen ringen. Seit vielen Tagen schon schien ihnen weder Sonne noch Gestirn, wild heulte der Sturm, alle Hoffnung ihres Lebens schien dahin. Seit langer Zeit hatten sie nichs gegessen, alles schien verloren. Doch horcht, was sagt der kleine Gefangene? Seid unverzagt, keiner wird umkommen, denn diese Nacht stand bei mir der Engel Gottes und sprach: „Fürchte dich nicht, Paulus, du mußt vor dem Kaiser gestellt werden, und siehe, Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir im Schiffe sind.“ Wie groß mag wohl die Freude, aber auch der Zweifel an diese Botschaft gewesen sein. In der Vierzehnten Nacht wähnten die Schiffer, sie kämen an ein Land und fanden dies durch Messungen bestätigt. Die Anker fielen, zwischen Furcht und Hoffnung schwebten die Bedrängten. Endlich kam der Morgen, einige wollten flüchten, wurden aber durch Paulus daran verhindert. Dieser tröstet seine Mitreisenden wieder, nahm das Brot, dankte und fängt an zu essen. Da, heißt es, wurden sie alle gutes Muts und nahmen auch Speise. Dann kam die Entscheidung. Die An ker aufgehoben, das Segel nach dem Winde gerichtet, rasch flog das Schiff dem rettenden Ufer zu. Da, ein Stoß, das Schiff war mit dem Vorderteil aufgefahren. Die Wogen stürzten über das Hinterdeck hin, es schnell zerbrechend. Da rette sich wer kann, aber die Gefangenen töten, damit niemand entfliehe, war der Beschluß der Kriegsknechte. Paulus, dein Leben ist wieder in Gefahr, aber der Engel sagt, du mußt nach Rom, und wieder wird die Gefahr abgewendet, alle retten sich ans Ufer.

Es ist bekannt, wie durch Paulus der Mann, der an dem Fieber und an der Ruhr darniederlag, geheilt wurde. Die Krankheit herrschte gerade epidemisch auf der Insel, da wir ankamen, und bald wäre uns deswegen die Landung verweigert worden. Nachdem das Schiff im Hafen vor Anker gegangen war, umringten uns eine Anzahl Boote, die uns ans Ufer brachten. Nachdem das Zollhaus passiert war, fanden wir, wie gewöhnlich, Kutschen und Führer bereit, und ohne Zeitverlust fuhren wir los. Das Leben auf den Straßen war ganz anders als in Algiers, aber doch interessant. Wir waren nämlich gerade rechtzeitig zu ihrem Karnival eingetroffen. Es ist ein dreitägiges Fest, und es scheint, daß sich während dieser Zeit jedermann bemüht, fröhlich zu sein. Die Geschäfte werden geschlossen, alles ist auf den Straßen. Bunte Kostüme, maskierte Gesichter, worin einer den anderen zu überbieten sucht, so geht es in der Parade durch die Straßen, die Vorübergehenden werden mit Blumen, Zuckerwerk, Erbsen oder Bohnen beworfen. Lange Streifen buntfarbigen Papiers flattern durch die Fenster, und überall sucht einer den andern durch irgendeinen Scherz zu überraschen. Was solche Inselbewohner sich nicht alles leisten können! Wir hielten vor der Knochenkapelle. Hier sieht man die Schädel und Knochen von Hunderten von Verstorbenen. Während die Schädel in langen Reihen einer auf den andern befestigt waren, so waren die Arm- und Beinknochen so aufgehäuft, wie wir daheim das Brennholz aufhäufen. Wahrlich, ein gruseliger Ort, aber das eine sagt sich der Besucher doch: Siehe, das ist das Ende der Helden und Ritter, und man fühlt die Nichtigkeit des menschlichen Lebens. Dann ging’s nach den Baracken und der Armoury, sowie der St. John’s Kathedrale, diese wurde Vor 300 Jahren erbaut und ist sehr reich an Gütern die von Piraten usw. erbeutet wurden. Die Uhr im Turm zeigt auf einem Zifferblatt die Zeit, auf einem andern den Tag der Woche und auf dem dritten den Tag des Monats an. Durch die geöffneten schweren Türen traten wir ein. Der Boden war Von Marmor mit dem schönsten Mosaik ausgelegt, während Wände, Decke und Säulen mit Bildern in Lebensgröße verschönert waren. Priester zeigten die drei großen Schlüssel, die einst die Tore von Jerusalem, Acra und Rhodes öffneten. Vor dem aus solidem Silber angefertigten Pforten, vor dem heutigen Altar, sagte unser Führer folgendes: „Als die Franzosen anno 1790 die Insel eingenommen hatten, raubten sie viel kostbare Gegenstände, als Edelsteine, silberne und goldene Geschirre usw. aus dieser Kirche. Kaiser Napoleon selbst nahm kostbare Gegenstände mit. Diese silbernen Pforten wären sicher auch mitgemmomen worden, wenn nicht ein Priester dieselben schwarz gefärbt hätte, welches ihren waren Wert verbarg.“ In einein andern Teil war der Fuß boden mit Gedächtnisplatten reich dekoriert ausgelegt.

Die größten, oder am meisten heilig gehaltenen Schätze der Kirche aber sind: Ein Stück Holz vom Kreuz Christi, sowie die teilweisen Ueberreste von drei Aposteln; ob diese Sachen wirklich echt sind, ist schwer zu sagen. Darauf fuhren wir zu den Antoniagärten, jetzt die Somnierresidenz des Gouverneurs und dann noch aus der Stadt hinaus aufs Land, um etwas von der Landwirtschaft auf der Insel zu sehen. Die Häuser der Landwirte sind natürlich von Stein, klein und einstöckig. Das Land ist in kleine Parzellen eingeteilt, ungefähr 1/2 bis 2 Akker und diese umgeben Steinmauern bis 10 Fuß hoch. Es wurde gesagt, daß diese Steinnmauern als Schutz gegen die fürchterlichen Stürme dienen, die zuweilen hier herrschen, für die Fruchtbäume und Gemüsegärten. So beschützt, können sie dem fruchtbaren Boden zwei bis drei Ernten im Jahr abringen. Das Klima ist sonst sehr mild. Die Malteser scheinen Blumenliebhaber zu sein; die Gärten waren reich an schönen Blumen und auch auf der Straße wurden dieselben feilgeboten. Die Frauen trugen sehr große Bonnets oder Hüte Von schwarzem Tuch. Viele Priester und Mönche in schwarzem Mantel bewegten sich auf der Straße.

Interessant war es, die Panzer und Helme, sowie Handschuhe aus Stahl zu sehen, die früher von den Kriegshelden getragen wurden. Ganze Reihen sind von diesen Panzern aufgestellt. Es ist fast unglaublich, daß diese Kleider von Stahl einst von Menschen getragen wurden, daß die so geharnischten die schweren Kriegsbeile, diese langen schweren Lanzen handhaben konnten, und doch ist dem so. Viele andere merkwürdige Sachen alter Zeit sahen wir da. Da waren viele zersetzte, blutbefleckten Fahnen, mit dem Halbmond, den Türken entrissen, golddurchwirkte Mäntel handgeschmiedete Schwerter, eine der ersten Kanonen aus Kupfer und unzählige andere stumme Zeugen vergangener Zeiten.

Ein interessanter Tag war vergangen. Wieder war ich auf den Planken des Schiffes, es ging hinaus ins offene Meer, die Soldaten auf den Wällen der Festungen, an denen wir nahe vorbeifuhren, schwenkten Tücher und Fahnen, zu Hunderten standen sie auf den Wällen, brausende „Hurrahs“ erschallten.

Griechenland.

O Griechenland, o Griechenland!
Wo vieler Weisen Wiege stand,
Wo Helden fochten, Dichter sangen,
Die Läufer Lorbeer sich errangen,
Die Welt verdankt unendlich viel
Dir, Griechenland, mein nächstes Ziel.
O Griechenland, o Griechenland,
Die Tempel dein am Bergesrand,
Ihr Gold und Marmor einstens bot
Das schönste Bild im Abendrot.
Des ew’gen Frühlings Sonne lacht
Noch heut, vergiß der einst’gen Pracht.

Der 8. Februar war wieder ein Tag der Ruhe, ein Tag zur See, auf den Wassern des Meeres. Dr. Johnson sagt: „An den Gestaden des Mittelmeeres waren die vier größten Reiche alter Zeit: das assyrische, griechische, persische und römische Reich. Unsere ganze Religion, die meisten unserer Gesetze und und die Wissenschaft, in Wirklichkeit fast alles, das uns über die Unwissenden Heiden erhebt, kommt von den Ufern des Mittelmeeres.“

Die See war ruhig, hin und wieder tauchte eine Insel auf, sonst unterbrach nichts das Gleichmäßige des Bildes um uns, nämlich ein blauer Himmel und die unabsehbaren blauen Fluten. Abends hatten wir wieder einen Vortrag. Griechenland, unser nächstes Ziel, wurde uns in seiner Vergangenheit und Gegenwart in klarer Weise vorgeführt, und die Dinge, die wir uns besonders merken sollten, hervorgehoben. Ich muß sagen, daß solche Vorträge für diejenigen, die an der Schwelle eines fremden Landes stehen, von unschätzbarem Werte sind. Am Morgen des 9. waren wir vor Piraeus, dem Hafen für Athen. Das Schiff ging außerhalb des WeIlenbrechers vor Anker und Boote verschiedener Größe standen bereit, uns ans Ufer zu bringen. Bald waren wir in der Bucht vor Piraeus. Schiffe verschiedener Nationen mit hunderten von Masten lagen im Hafen. Wie viele historische Begebenheiten knüpfen sich an diesen Ort in Verbindung mit der Geschichte Griechenlands.

Lange vor Beginn der christlichen Zeitrechnung war dies ein bedeutender Hafen, Flotten zogen aus, kamen beutebeladen heim oder wurden vom Feinde vernichtet, Piraeus ist mit Athen sowie mit Korinth durch eine Eisenbahn verbunden. Wir hielten uns auch nicht lange in Piraeus auf, bestiegen die kleinen Waggons und bald sahen wir durch die Fenster die Acropolis hoch auf einein steilen Hügel, und dahinter bald das Häusermeer von Athen. Die Gegend, oder das Tal, worin wir fuhren, war recht kultiviert, bepflanzt mit Olivenbäumen u. a. m. Bald hielt der Zug bei der Station, wir waren in Athen. Wie gewöhnlich, standen auch hier Kutschen und Führer auf uns wartend, und bald darauf fuhren wir durch die Straßen von Athen. Man sieht aus den ersten Blick, daß man sich in einer Stadt befindet, wo die christliche Religion herrscht. Die Straßen sind rein und meistens nicht zu enge. Wir hielten beim Stadium. Dies Amphitheater ist 680 Fuß lang und über 100 breit und soll 40,000 Zuschauern Platz geboten haben. Heute existieren noch die Stufen, die der Sieger hinaufstieg, um seine Lorbeeren zu empfangen und ebenso der Tunnel, durch welchen der Besiegte hinwegschlich. Obzwar oft wilde Tierkämpfe hier vorgeführt wurden (bei einer Gelegenheit sollen in Gegenwart des Kaisers Hadrian eintausend wilde Tiere hier abgeschlachtet worden sein), so wurde es doch meistens für Wettläufer benutzt. Paulus nennt dies „Laufen in den Schranken“.

Nun kommen wir zur Acropolis. Dieselbe ist auf einem ungefähr 300 Fuss hohen Hügel erbaut, erstlich war hier eine Festung, aber dann sind hier Tempel, Statuen usw. erbaut worden, so großartig, daß ihre Ruinen heute noch die Welt in Staunen setzen. Obzwar viele kostbare Gegenstände nach England, der Türkei und anderen Ländern gebracht worden sind, so ist doch noch unendlich viel da. Erdbeben haben daran gerüttelt, Pulvermagazine, worin die Türken es einst verwandelt hatten, sind in die Luft geflogen, und doch stehen noch so viele Wunder, das Parthenon obenan, da. Ein Dichter sagt: „Stolz trägt die Welt den Parthenon, als den kostbarsten Juwel, auf ihrem Thron.“

Swimming in the Dead Sea

Wir stiegen die breiten steinernen Stufen hinauf, und bald waren wir inmitten der Ruinen und teilweise stehengebliebenen Säulen, die man sehen muss, uln sich einen Begriff davon zu machen. Diese Unmasse von Marmor, die hier Verwendet wurde, diese Arbeit, die es gekostet haben muß, es ist zum Staunen. Da ist der sogenannte Tempel der flügellosen Siegesgöttin „Nika“, der ihr zu Ehren erbaut wurde. Dieselbe war in diesem Tempel, den Lorbeerkranz haltend, aber ohne Flügel. Die Athener glaubten, wenn die Götzen keine Flügel hätten, so müßten sie dableiben und folglich würde der Sieg stets auf ihrer Seite bleiben.

Dann war das Erechtheum. Die Marmorsäulen an diesem Tempel sind bewundernswert. Aber das Interessanteste ist der Parthenon. Noch in seinen Ruinen redet er eine beredte Sprache des Ruhmes alter Zeiten. Ungefähr 450 Jahre vor Christi wurde er erbaut und etwa 15 Jahre später der Göttin Athena gewidmet. Mächtige Säulen, acht an den Enden und 17 an den Seiten, umgeben ihn, rund herum über 500 Fuss lang waren Berzierungen in Marmor gemeißelt. „Die Krone des Parthenons alter Zeiten“, sagte der Führer, „ist die kolossale Statue Von Athena.. Sie war über 40 Fuß hoch, aus solidem Gold und Elfenbein gemacht. Die Römer unter Nero raubten Viel kostbare Gegenstände, die Türken haben ganze Schiffsladungen von Marmor nach Konstantinopel geholt, und die Engländer haben viel davon im britischen Museum.“

Wir verließen die Acropolis und bestiegen den Mars Hügel. Hier war einst der Richtplatz unter freiem Himmel. Hier hielten die alten Athener oft des nachts, damit die Richter den Angeklagten nicht sehen und so ein unparteüsches Urteil fällen konnten, ihre Gerichte ab. Aber das Wichtigste von allem, hier war einst Paulus, auf den Sitzen umher, wovon noch Ueberbleibsel da sind, daß die Menge, unter ihnen die Weisen Griechenlandß wahrscheinlich neugierig, was der kleine fremde Mann da oben zu sagen habe. Wir lesen in Apostelgesch. 17, was Paulus dort sagte. Rechts in der Nähe waren die breiten Marmorstufen, die hinauf zum Tempel führten. Der helle Glanz der goldenen und silbernen Götzen schien sieh zu brechen in dem matten Glitzern Von Elfenbein, inmitten von sanft schimmerndem Marmor. Dies an seiner Seite, die stolze Menge vor ihm, so stand der unerschrockene Mann dort und sagte: „Gott hat die Welt gemacht“. Dies gab ihren Götzen den Todesstoß. O Paulus, wie kannst du dich erdreisten, hier In der Nähe der glänzenden Götzen und vor einer ausgeregten Schar ihrer Diener so zu sprechen? Aber er sagt noch mehr. „Und wohnet nicht in Tempeln mit Händen gemacht. Wozu der herrliche Tempel, die Acropolis?“ Weiter spricht er, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern. Wird er aufhören? Es wird zu viel sein für die selbstbewußten Athener. Nein, er fährt fort, und dies ist das Wichtigste: „Auferstehung der Toten und das Gericht“. Das war zu viel, einige spotteten, andere wollten weiter davon hören. Paulus aber ging von dannen. Umsonst aber war die Rede nicht, einen Schritt weiter war das Evangelium gebracht.

Dann gingen wir nach dem sogenannten Odeon von Herodus Attikus. Dieses Theater hatte einst ein Dach, welches jetzt aber nicht mehr da ist. Aber der steinerne Boden, sowie die teilweise zerstörten Sitze, welche Raum für über 5000 Personen boten, sind noch da. Hinter diesem sind die Ruinen eines großen Baues, des Bacchus Theaters. Hier war einst Raum auf Marmorsitzen für 30,000 Zuschauer. Die große Bühne war von Marmor. Für die Priester und andere hohe Personen waren große Sessel aus Marmor gehauen. Da rauf kamen wir nach dem Jupiter Tempel. Dieser ist fast ganz zerstört und doch sieht man die Spuren seiner einstigen Größe.

Am nächsten Tage wurde uns, in Stein gehauen, das Gefängnis von Sokrates gezeigt. Knirschend öffneten sich die stark verrosteten eisernen Gitter, wir traten in einen kleinen Raum. Hier war es, wo Sokrates gezwungen wurde, den Giftbecher zu leeren.

Im Hotel „De l’Angleterre“ waren wir zu Mittag. Vor dem Hotel ist eine schöne Parkanlage. Orangenbäume, fruchtbeladen, gewährten uns Schatten, und so ruhten wir einige Zeit darin aus. Von hier aus wurde uns der weiße Marmorpalast des Königs gezeigt und später fuhren wir auch noch dahin. Die Kleidung der königlichen Garde ist auffallend. Enge Beinkleider, niedrige Schuhe mit großen wollenen Rosen auf den Spitzen, blaue, mit vielen blanken Knöpfen besetzte Jacken, rote Kappen mit langen Zipfeln; so sahen sie, obzwar höchst sonderbar, doch schön aus. Ich hätte auch gerne den König gesehen, aber es wurde uns gesagt daß dies nicht so leicht möglich sei und so verließen wir den Palast. Eine andere Abteilung unserer Reisegenossen hatte sich nicht so licht abweisen lassen und sie hatten Erfolg. J. B. Devons von New York erzählt uns davon folgendes: „Ich frage die Wache, ob es möglich sein würde, den König zu sehen.“ „Nein, nein“, sagte er, „das ist nicht möglich.“ „Würden Sie vielleicht einen Brief an den Adjutanten Seiner Majestät befördern?“ Er entschloß sich hierzu und lud uns ein, nach dem Empfangszimmer zu kommen. Hier wurde das Gesuch in Griechisch wiederholt und der Brief gelesen. „Seine Majestät“, sagte der Adjutant, „ist in Beratung mit dem Kriegsminister und kann nicht gestört werden. Wenn Sie aber ein anderes Mal vorsprechen, so kann vielleicht eine Audienz erwirkt werden.“ „Wir verlassen Griechenland in zwei Stunden“, sagte ich, und können also nicht wiederkommen. Nach einigem Zögern wurde die Audienz aber doch arrangiert. „Folgen Sie mir“, sagte die Wache. Die anwesenden Amerikaner folgten. „Nein, nur einer, Sie allein“, sagte die Wache, „und Sie haben nur eine Minute Zeit beim Könige.“ Eine Minute Zeit? Nur die Vorstellung würde mehr nehmen. Was sollte ich in einer Minute sagen. Wie, wenn ich etwas sagte, das nicht angebracht war? Dies und ähnliches beschäf tigte meine Gedanken während ich von der Empfangshalle zu den Gemächern des Königs folgte. Aber wie einfach war es. Da war keine Vorstellung. Der König kam uns entgegen nach der Tür, streckte mir die Hand entgegen, als ob er einen alten Freund begrüßte. Jch habe Jhren Brief gelesen und heiße Sie willkommen im Palast und in Athen. Darf ich die anderen Mitglieder unserer Gesellschaft vorstellen? fragte ich. Wie Sie wünschen, sagte er. Schnell ging ich und holte die anderen. Der Empfang der anderen war ebenso herzlich. Wir durften nicht viel fragen, denn der König war der Fragende. Wann kamen Sie in Griechenland an und wie lange werden Sie bleiben? Wie gefällt Ihnen unser Land? Unser Klima ist wohl Verschieden von dem Ihrigen. Ihr habt Schneestürme in Amerika, die kennen wir hier nicht. Habt Ihr die Akropolis gesehen ulid wie gefällt Euch das Stadium? Dann kam er auch aus Politik und lobte die Administration von Präs. Taft. Er versicherte uns auch, daß keine Gefahr sei für einen Krieg mit der Turkei. Dann zeigte er uns Gemälde seiner Eltern, sowie seiner Gattin, und endlich verabschiedeten wir uns. Wir hatten viel mehr Zeit gehabt, als wir erwar teten.“

Bei einer Gelegenheit vor etlichen Jahren, wurde uns gesagt, sei König Georg an Bord eines amerikanischen Touristenschiffes gekommen und vom Kapitän den Reisenden vorgestellt worden. Ein Passagier war übersehen worden, aber er ging darauf einfach auf den König zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte: „Mein Name ist J. von Philadelphia und wie mir gesagt wird, sind Sie König Georg von Griechenland.“ Lachend schlug der König ein, ihm schien diese einfache Art der Vorstellung zu gefallen.

Abends fuhren wir zurück nach dem Piräus, um die Nacht auf dem Schiff zu verbringen. Im Hafen von Piräus bestiegen wir die kleinen Dampfboote, die uns nach dem Schiff, das außerhalb des Wellenbrechers vor Anker lag, bringen sollten. Bis zum Leuchturm ging auch alles gut, aber da angekommen, sahen wir schon eins von den Booten, die uns voraus waren, zurückkehren. Es wurde gemeldet, daß die See außerhalb des Hafens so hoch gehe, daß es unmöglich sei, nach dem Schiff zu gelangen, geschweige denn anzulegen. Ein anderes Boot machte den Versuch, aber kam auch bald zurück. Es war inzwischen finster geworden und wir standen noch immer auf dem Steinfundament des Leuchtturms. Hell erleuchtet lag unser Schiff, vielleicht eine halbe Meile entfernt vor uns, kein Schwanken dieses Riesen verriet, daß die See so hoch ging. Endlich kam auch der Kapitän an. Er sagte, er werde selbst den Versuch machen, nach dem Schiff zu gelangen, um dann entweder das Schiff in den Hafen oder uns nach Athen zu bringen. Nach einiger Zeit langte ein kleines Boot, von einigen Matrosen bemannt vom Schiff an, und die Leute berichteten, daß der Kapitän unter großen Schwierigkeiten und pudelnaß auf das Schiff gekommen sei, und daß wir zurück nach Athen sollten. Wir bestiegen wieder die Boote. In Piräus stand schon ein Zug bereit und um 10 Uhr waren wir wieder in Athen. „Werden wir zu so später Stunde noch Abendbrot bekommen“, hörte man fragen, aber es war schon alles arrangiert und bald saßen wir bei Tisch.

Am nächsten Tage sahen mir noch viele Sehenswürdigkeiten, darunter den Turm der Winde, das alte Markttor, die Colonade von Hadrian und das National Museum. Um Vier Uhr nachmittags verließ das Schiff den Piräus. Zurückblickend sahen wir in der Abendsonne die Akropolis mit dem Parthenon in Athen. Es bleibt immer weiter hinter uns, das Land der Helden, der Weisen und Denker alter Zeiten. Dort ist der Eingang in die Bucht von Salamis. Dort war es, wo im Jahre 480 vor Christi die persische Flotte Von 1000 Schiffen ein Gefecht mit der griechischen Flotte hatte.

Abends hörten mir einen Vortrag von Neu. W. A. Knight. Ermüdet legten wir uns nieder, mit dem Bewußtsein, daß die Erlebnisse der letzten Tage einen Platz in unserem Gedächtnis hatten, der nie verwischen würde. Und voller Erwartung, was der morgende Tag bringen würde, sollten wir doch morgen die Dardanellen passieren, und in Konstantinopel angelangen.

Konstantinopel.

Die Schleier der Nacht beginnen zu weichen,
Die Sterne da droben, sie find am Erbleichen,
Die Sonne geht auf und ihr Licht uns enthüllet
Ein Bild, das uns tief mit Bewund’rung erfüllet.
Zur Rechten, nicht ferne an Usiens Strande,
Ziehn blaugrüne Berge sich weit durch die Lande,
Und dort auf den mächtigen Festungen wehet
Der Halbmond, der sorgsam auf Wache hier stehet.
Hinaus aus dem Meere, den schäumenden Wellen
Das Schiff nun hingleitet in die Dardanellen;
Es leben die Helden entschwundener Tage
Hier wirklich noch heut’ in Geschichte und Sage.
Und links schaun dort am europäischen Strande
Die mächtgen Geschütze oft drohend Vom Lande,
Auch hier weht der Halbmond, der Tüirke bewachet
Die Dardanellen bei Nacht und bei Tage.
Und hinter uns schwindet das Wogengespiele,
Das Wasser ist ruhig und liegt hier so stille;
Auch unter Kanonen, ist’s möglich hienieden,
Kann schlummern die Ruhe, kann herrschen der Frieden.

Als ich am Morgen des 6. hinaus schaute, lag unser Schiff Vor der Einfahrt der Dardanellen vor Anker. Die gelbe Quarantäneflagge war aufgezogen, ein Zeichen, daß wir die türkischen Gesundheitsbeamten erwarteten. Auf den Hügeln zu beiden Seiten waren mächtige Festungen. Die Türken erlauben keinem fremden Kriegsschiff den Durchgang und Handelsschiffe können auch nur bei Tage passieren, nachdem sie vorher, besonders der Cholera wegen, streng untersucht worden sind. Bald sahen wir eine Yacht vom Ufer abstoßen, die türkische Flagge wehte darauf, es waren die Gesundheitsbeamten. Schnell legte das Boot an, erst kam der Lotse, dann die anderen reichuniformierten Beamten, mit rotem Fez, an Deck. Fast orientalisch war die Begrüßung, die der Kapitän den Beamten zu Teil werden ließ. Die Untersuchung dauerte nicht lange, indem sich die Türken mit der Versicherung des Schiffsarztes, daß keine Krankheit auf dem Schiff herrsche und sich, wie gemutmaßt wurde, mit einem Trinkgeld zufrieden gaben. Die gelbe Flagge wurde herabgezogen, der Lotse ging ans Steuer, und bald war das Schiff wieder in Bewegung. Die Dardanellen, in die wir jetzt einfuhren, sind, wie die Leitbücher besagten, etwa 40 Meilen lang und von etwas weniger wie eine Meile bis zu vier Meilen breit.

An einer der engen Stellen war es, wo einst der persische König Xerxes mit seiner Armee auf einer Brücke von Booten übersetzte, um Europa einzunehmen. Nachdem wir die Dardanellen passiert hatten, kamen wir in den sogenannten Marmara See, der über 100 Meilen lang ist. Unsere Pässe wurden nun gesammelt, um bei der Ankunft in Konstantinopel den türkischen Behörden vorgelegt zu werden. Auch wurden uns Regeln und Ratschläge für die Zeit, die wir uns in der Türkei, Syrien, Palästina und Aegypten aufhalten würden, zugeteilt. Unter anderem wurde darin erwähnt, daß es ratsam sei, die ganze Zeit kein Wasser zu trinken und als Ersatz hierfür wurde Mineralwasser, Bier und Wein empfohlen. Dies würde vielleicht auch hier in Amerika für einige keine allzugroße Strafe sein. Obst sollten wir auch nicht essen, außer wir könnten es abschälen. Gegen Abend bekamen wir die Stadt Konstantinopel in Sicht. Erst schwach, dann immer deutlicher, sahen wir die vielen Minarets, die Dome der Moscheen wurden sichtbar, dann das Häusermeer der Stadt. Alles war natürlich auf Deck, das Bild an dem nahen Ufer wechselte beständig.

Vor uns lag die Bosporusstraße, etwas über eine Meile breit. Die Achmed Moschee und die St. Sophia Moschee wurden uns gezeigt. An der asiatischen Seite waren die Gebäude, wo im Krimkriege die berühmte Florence Nightingale sich der Verwundeten und Kranken in wahrhaft christlicher Weise annahm.

Nachdem wir die Mündung des goldenen Hornes passiert Hatten, ging das Schiff um 6 Uhr abends im Bosporus vor Anker.

Der Kapitän gab uns den wohlgemeinten Rat, für den Abend auf dem Schiff zu bleiben, indem es in den schlecht erleuchteten Straßen abends gefährlich sei. Die meisten blieben also an Bord.

Am nächsten Morgen brachten kleine Schiffe uns ans Ufer und wir landeten bei dem Zollhause an der Galataseite. Wir bestiegen die bereitstehenden Fuhrwerke und fuhren über die Brücke, die über das sogenannte goldene Horn führt, auf Stambul zu. Der Verkehr ist hier sehr rege, und das bunte Durcheinander auf der Brücke ist sehr interessant.

Das erste, was mir auffiel, waren echte russische sogenannte Dungbretterwagen. Aber das meiste der beförderten Güter war nicht auf den Wagen, sondern auf dem Rücken der menschlichen Lastträger. Es ist erstaunlich, was der Mensch alles kann. Es bedurfte der Kraft Von drei Personen ein großes, sehr schweres Bündel aufzuheben, und diese Last wurde auf den Rücken eines dieser Lastträger gelegt und er ging damit ab.

Händler hatten ihre Waren auf dem Rücken, die Wage in der Hand, andere ihre Waren, wie Brot, Kuchen, Nüsse, Datteln usw. in Körben auf dem Haupt und ebenfalls die Wage in der Hand. Dann kamen Russen in ihrer heimatlichen Kleidung, türkische Soldaten in blauer Uniform und rotem Fez; andere Moslems hatten als Zeichen, daß sie in Mecca gewesen waren, ein grünes oder weißes Band um ihren Fez. Dann waren griechische Priester in schwarzen Mänteln, dunkle Nubier, Juden in langen Mänteln, oft noch im Zylinderhut, der einst bessere Tage gesehen hatte, und kleine Haarlöckchen an beiden Seiten des Kopfes. Türkische Frauen mit weißem Schleier und Türken mit goldverzierten Kleidern.

Nachdem wir die Brücke passiert hatten, war das erste, was mir auffiel, die vielen Hunde. Da waren Hunde einzeln, zu zweien, und so weiter, bis zu Dutzenden in einem Knäuel. Bei Tage liegen dieselbe meistens, aber nachts sollen sie großen Spektakel machen. Die Hunde werden fast heilig gehalten, man sieht oft, wie ein Türke Futter kauft und hinausgeht und die Hunde füttert. Es wurde uns geraten, ja keinem dieser Biester etwas zuleide zu tun, indem man dadurch in Unannehmlichkeiten kommen könnte.

Auf den Straßen, die, nebenbei gesagt, recht schmutzig sind, sah es fast aus wie auf der Brücke, ein buntes, lärmendes Durcheinander. Wir fuhren zur St. Sophia-Moschee. Dies war einst eine christliche Kirche, und von unserem Führer, aus den Handbüchern usw. erfuhr ich etwas über die Vergangenheit dieses interessanten Baues. Im Jahre 532 entschloß sich der römische Kaiser Justinian, in Konstantinopel eine Kirche zu bauen, so großartig, wie bis dahin nichts dagewesen, und auch später nicht zu übertreffen sei. Alle unter seiner Herrschaft stehenden Länder mußten Gold, Silber, Edelsteine, Elfenbein und Eedern liefern. Der Sonnen-Tempel in Baalbek, der Tempel der Diana in Ephesus, sowie die Tempel in Athen, wurden ihrer Säulen usw. beraubt, auch von Aegypten wurden ähnliche Sachen geholt. Marmor wurde aus Italien und Griechenland haufenweise geliefert, und in ungefähr sechs Jahren wurde der Bau von 10,000 Arbeitern fertiggestellt.

Der große Altar war aus Gold und Silber, die Kirchengeräte waren aus solidem Golde, die heiligen Bilder waren in Edelsteine gefaßt. Bei der Einwehung rief der König Aus: „Ehre sei Gott, der mich gewürdigt hat dieses große Werk zu vollenden, o, Salomo, ich habe dich überboten." Ueber 900 Jahre blieb die Kirche in Händen der Christen. Aber im Jahre 1453 nahm der türkische Sultan Mohammed der Zweite die Stadt nach einem harten Kampfe ein, der halbmond wurde aufgezogen. In der Kirche St. Sophia, die in eine Moschee verwandelt wurde, wurden die kostbaren Gemälde übermalt, die Kostbarkeiten herusgenommen, und sie ist eine Moschee bis auf den heutigen Tag geblieben. Die Türen stehen den Mohammedanern jederzeit offen, aber Wachen, die davor stehen, haben dafür zu sorgen, daß UngIäubige, das heißt Christen, es sei denn sie unterwerfen sich gewissen Regeln, nicht hineinkommen. Erstens muß man eine Gebühr zahlen und dann die Schuhe ausziehen, oder die losen türkischen Pantoffeln überziehen. Für das letzte sind willige Hände bereit, und dies bedeutet abermals ein Trinkgeld. Wir traten in den großen Raum ein; kein Stuhl oder Bank war in diesem ackergroßen Gebäude. Der Boden war ganz mit Teppichen belegt, und überall sah man einzelne Andächtige betend auf ihrem Angesicht. Da es uns, weil wir Von draußen kamen; ziemlich dunkel erschien, so passierte es einem meiner Gefährten, der den großartigen Dorn bewunderte, und nicht vor sich hinschaute, daß er einen Vor ihm am Boden knieenden Türken nicht bemerkte und über denselben stolperte und hinfiel. Schnell war der bisher so Andächtige auf den Füßen und mit geballten Fäusten gings hinter dem erschrockenen Amerikaner her, der schleunigst davonlief, und sich unter die anderen mischte, sodaß der hitzige Türke seine Spur verlor, und schließlich nicht wußte, wer der Schuldige sei. Es sah recht komisch aus, wie der betende Anhänger Mohammeds aufsprang und bereit schien, irgendjemand durchzuhauen.

Der große Dom, über 100 Fuß im Durchmesser, ist 180 Fuß hoch und wird von mächtigen Säulen getragen. Sprüche des Korans befinden sich an den Wänden. Am türkischen Sonntag, sagte der Führer, steht der Priester und hält in der einen Hand den Koran und in der anderen ein bloßes Schwert, zum Zeichen, daß diese Moschee mit Gewalt von den Ungläubigen genommen sei. Der gewöhnliche Gipsteppich des Propheten, sowie der Abdruck seiner, ins Blut der erschlagenen Christen getauchte Hand an der Wand, werden noch gezeigt. Hin und wieder sieht man auch am Boden sitzende Gläubige den Koran abschreiben. Wir gingen wieder dem Eingange zu und hier wurden uns die Pantoffeln ausgezogen, wer solche anhatte, oder Schuhe angezogen.

Nachdem wir noch andere Moscheen besucht hatten, ging’s nach dem großen Bazar. Hier unter einem Dach, oder besser gesagt, unter einem Gewirr von Dächern, sind hunderte kleinere und größere Läden, nicht durch Wände von einander getrennt, sondern nur in Abteilungen. Jeder hat so viel wie möglich seine Waren zur Schau gestellt, ruft und schreit, dieselben anpreisend, und sobald sie eines Amerikaners ansichtig werden, dann geht es erst recht los. Man muß sich oft förmlich loßreißen von ihnen. Und dieses bunte Durcheinander, die sich hin und her wälzelnde Menge der laut feilschenden Käufer! Der Preis der gefordert wurde, war gewöhnlich 2 bis 3 mal so viel als der Verkäufer erwartete, und so gab es ein Schachern und Handeln, das recht komisch anzusehen war, besonders noch da, wo der Eigentümer sich zufällig Moses nannte und in den ungemein weiten türkischen Hosen steckte.

Der Kapitän hatte uns am Abend vorher angekündigt, daß er für uns als eine besondere Gunst des Sultans die Erlaubnis erhalten habe, die Schatzkammern zu besuchen, und dies wurde natürlich mit Freuden aufgenommen. Eine hohe Mauer umgibt dieselben, und die Wachen am Tor untersuchten recht sorgfältig unsere Erlaubnisscheine, ehe wir eingelassen wurden, in Begleitung eines Teiles der Wache. Nun kamen wir an die schweren Türen, die in die Schatzkammer führten. Doppelte Wachtposten, schwerbewaffnet, ließen uns passieren, nachdem sie uns erst alles Handgepäck, sowie Regenschirme usw. abgenommen hatten, die Türen wurden geöffnet, wir traten ein. Der Raum, in den wir jetzt traten, war nicht besonders schön, aber welche Schätze barg er! Unter anderem war hier ein Thron, der einst dem Schah von Persien gehörte und von den Türken als Beute fortgenommen wurde. Derselbe ist von solidem Golde, mit Rubinen und anderen Edelsteinen ausgelegt. Weiter waren die Kleider und Uniformen ehemaliger Sultane, wie dieselben einst von ihnen getragen wurden, mit Gold durchwirkt und leuchtend von Edelsteinen, ebenso ihre Schwerter und sonstige Waffen waren mit Juwelen besät. In den anderen Abteilungen standen in Glasbehältern ganze Schüsseln mit den kostbarsten blinkenden Diamanten. Ich hätte überhaupt nicht geglaubt, daß so viele Edelsteine in der Welt seien, wie ich hier in diesen Räumen sah. Da waren Kronen, Szepter, Schwerter usw. glänzend von Diamanten und blutrot schimmernden Rubinen. Ein türkischer Thronsessel, der für besonders kostbar galt, aus Gold, Perlmutter und Edelsteinen gefertigt, hatte vor seiner Bedachung, an einer goldenen Schnur hängend, einen sanftrot schimmernden Edelstein von der Größe eines kleinen Hühnereies. Die türkischen Wachen, die in jeder Ecke oder Nische standen, schienen uns scharf zu beobachten, und die ihnen auvertrauten Schätze zu bewachen. Ungezählte Millionen liegen hier brach, und nützen eigentlich gar nichts. Nachdem wir noch die Juwelen des erst kürzlich von den Jungtürken Vertriebenen Sultans Abdul Hamid gesehen hatten, hierunter wurden uns Geschenke des deutschen Kaisers gezeigt, verließen wir diese, solche enor men Schätze beherbergenden Räume. Die Kleider usw. des großen Propheten Mohammed wurden uns nicht gezeigt. Dieselben sind zu heilig für das Auge Ungläubiger. Nun wurden wir in den weißen Marmorpalast geführt, von dessen Pavillon man eine herrliche Aussicht auf den Hafen hat. Der Palast selbst ist inwendig schön, die Türen und Möbel sind mit Perlmutter und Silber ausgelegt. Besonders die Gemächer des Sultans waren reich dekoriert und doch wurde mir etwas unheimlich zu Mute, als man mir die von Kugeln durchlöcherten Fensterscheiben und die Löcher in der Wand zeigte. Diese bleiernen Bohnen waren für den ehemaligen Sultan Abdul Hamid bestimmt gewesen, hatten aber glücklicherweise ihr Ziel verfehlt. Dann kam das Museum für Altertümer. Besonders die Särge, tausende von Jahren alt, waren interessant. Meistens aus Marmor gehauen und sehr groß, bis 6 Fuß breit, 12 lang und 6 hoch. An den Seiten und Enden waren Bilder eingraviert, die Schlachten, Jagdzüge usw. darstellten, sowie Inschritten und Namen. Die meisten davon kamen vom Süden in Syrien. Dann waren alte Götzen, darunter besonders der eines Jupiter auffallend war. Dessen Augen bestanden aus zwei hellen Rubinen, und diese gaben denselben ein sonderbar stechendes Aussehen. Nachdem wir das Museum verlassen hatten, wurden uns noch verschiedene andere Sehenswürdigkeiten gezeigt, darunter der Brunnen oder Fontäne, der vom deutschen Kaiser bei seinem Besuch in der türkischen Hauptstadt dem Sultan zum Geschenk gemacht wurde. Besonders interessant ist es, zu sehen, wie die Mohammedaner beten. Sobald vom Minaret oben in schwindelnder Höhe der Ruf zum Gebet ertönt, so geht in die Moscheen, wer kann; wer zu weit entfernt davon ist, betet auf offener Straßen. Viermal ruft der Ausrufer von jeder Seite des Minarets, und die Rufe pflanzen sich von einem Minaret zum anderen fort. Es wurde uns durch Leitbücher wie folgt übersetzt: „Gott ist groß“. Die Zuhörer wiederholen dies. Dann: „Es ist kein Gott außer Gott.“ und zuletzt: „Kommt zum Gebet“. Hierauf sagten die Gläubigen: „Jch habe keine Kraft oder Stärke außer von Gott hoch und erhaben“. „Komme und sei gut“, sagt der Ausrufer. „Was Gott will, geschehe“, sagt der Zuhörer und begibt sich zum Gebete.

The Drive from Jerusalem with Guide, Coachman, and Interpreter

Das Geläute der Glocken, die zur Andacht rufen, ist verboten. Wie berichtet wird, war es bei den ersten mohammedanischen Versammlungen nicht so leicht, die Gläubigen zusammenzurufen, und es wurde vorgeschlagen, durch Glocken, sowie die Christen, oder durch Trompeten, so wie die Juden, zum Gebet einzuladen, aber Omar rief: „Ist denn niemand unter euch, der zum Gebet rufen kann?“ Der Prophet beauftragte jemand damit, und seit jener Zeit wird von den hohen Minarets 4 mal am Tage zum Gebet gerufen.

Da wir nun für die nächste Zeit uns unter einem Volke bewegen sollten, wo die Glaubenslehre des Islam die Hauptlehre bildet, so war es für mich sehr interessant, etwas über diese Lehre, sowie über die Entstehung derselben zu lernen. „Baedeckers“ Reisehandbücher, die, ich will es nur gleich bemerken, für Reisende in der Türkei, Asien sowie Aegypten unentbehrlich sind, lehren darüber unter anderem folgendes: Mohammed, der gepriesene, stammte aus einer wenig beachteten Familie in Mekka. Sein Vater starb bald nach Mohammeds Geburt, seine Mutter in seinem 6. Lehensjahre. Der Knabe wurde von seinem Großvater, und als dieser nach 2 Jahren starb, von seinem Onkel erzogen. In seinem 25. Jahre machte er Handelsreisen. Um jene Zeit war im Leben der Araber eine Gärung eingetreten. Als Mohammed 40 Jahre alt war, erfaßte auch ihn das religiöse Bewußtsein, daß der Götzendienst eitel sei. Er glaubte fest, himmlische Offenbarungen zu haben. Einen Betrüger dürfe man ihn kaum nennen. Eine Traumerscheinung, die er auf dem Berge Hira, bei Mekka, hatte, gab den ersten Anstoß. Mohammed fing an, mit glühender Begeisterung den Monotheismus zu verkündigen und vor den höllenstrafen zu warnen. Die neue Lehre wurde Islam, das heißt Unterwürfigkeit unter Gott, genannt. Zuerst gewann er nur wenige Anhänger, und dieselben hatten von den Mekkanern viel zu erdulden. Daher wanderten viele nach Medina aus, endlich auch Mohammed selbst. In Medina machte die neue Religion bald große Fortschritte. Da seine erste Frau gestorben war, nahm Mohammed bald eine Reihe anderer Frauen, teilweise auch aus politischen Rücksichten. Von Medina aus suchte er die Mekkanern zu beunruhigen. Er gewann bald großen Einfluß auf die Beduinen, und es gelang ihm, dieselben politisch zu einigen. Im Jahre 630 endlich eroberten die Muslimen Mekka. Die Götzenbilder wurden zerstört. Aber die gewaltigen Anstrengungen der letzten 24 Jahre hatten Mohammeds Gesundheit untergraben, er starb am 8. Juli 632 in Medina und wurde daselbst begraben. Der Islam ist noch heute die am weitesten verbreitete Weltreligion, und seine Macht ist in stetem Fortschritte begriffen.

Das Glaubensbekenntnis des Islam lautet: Es ist kein Gott außer dem Gott Allah und Mohammed ist der Prophet des Gottes. Diese Formel enthält aber nur den wichtigsten Glaubenssatz. Eigentlich ist der Muslim dreierlei zu glauben verpflichtet: 1) Gott und die Engel. 2) Die schriftlichen Offenbarungen und die Propheten. 3) Auferstehung, Gericht, ewiges Leben und Vorbestimmung. 1) Gott und die Engel: Die Hervorhebung der Einheit Gottes war nichts Neues. Gott ist nach muslimischer Lehre ein alle Vollkommenheit in sich vereinigender Geist. Auf die Weltschöpfung wurde das gröste Gewicht gelegt. (Gott spricht: Es sei, so wird es). Die Erzählung der Schöpfung nach dem Koran ist der Bibel entnommen, mit verschiedenen Beimischungen ans anderen Quellen. Zuerst schuf Gott seinen Thron, unter diesem befand sich Wasser. Darauf setzte sich der Erdstoff ab. Um diesen festzuhalten, schuf Gott Engel. In Verbindung mit der Schöpfung des Firmaments steht die der Dämonen, Mittelwesen zwischen den Menschen und den Engeln. Noch heute ist der Glaube an dieselben allgemein verbreitet. Als die Dämonen übermütig wurden, erhielt ein Engel den Befehl sie zu vertreiben. Nun erst wurde Adam geschaffen, und zwar am Abend des sechsten Wochentages, daher die Muslimen den Freitag statt des Sabbaths feiern. Auf die Schöpfung Adams folgte der Fall jenes Engels, des Besiegers der Dämonen. Weil er sich vor Adam nicht niederwerfen wollte, wurde er verstoßen und hieß von nun an Teufel. Der Sündenfall wurde mit Mekka in Verbindung gesetzt. Dort fand Adam die Eva wieder. In Mekka wird das Grab der Eva noch heute gezeigt. Adam gilt als der erste rechtgläubige Muslim. Deren Gott sorgte von Anfang an für Offenbarung. Außer der schöpferischen Tättigkeit Gottes wird aber auch die erhaltende betont, als stete Einwirkung Gottes auf die Welt. Seine Werkzeuge dabei sind die Engel. Sie tragen Gottes Thron und richten seine Befehle aus. Sie sind aber auch Vermittler zwischen Gott und Menschen und begleiten den letzteren stets. Der Reisende, welcher einen Muslim beten sieht (dies geschieht nach dem Vorbild der Engel im Himmel), bemerkt, daß er am Schluße des Gebets sein Gesicht zuerst über die rechte, dann Über die linke Schulter wendet. Damit begrüßt er die Engel, die jedem Gläubigen zur Seite stehen. Der zur Rechten schreibt die guten, der zur Linken die bösen Handlungen auf. Ebenso bemerkt man auf muslimischen Friedhöfen die beiden Denksteine, die sich auf jedem Grabe befinden. Neben diesen sitzen, sobald der Tote begraben ist, die beiden Frageengel und halten das Examen mit dem Gläubigen ab. Deswegen wiederholt der Führer des Leichenbegängnisses bei der Beerdigung fortwährend das Glaubensbekenntnis, damit der Tote es nicht vergesse. Neben den Legionen guter Engel gibt es auch Genossen des Satans, die dem Menschen zum Bösen verleiten.

Zweitens: Die schriftlichen Offenbarungen und die Propheten. Die Menschen der ersten Zeit waren gläubig, sind aber später abgefallen. Daher mußte die Offenbarung eintreten. Die Propheten waren frei von groben Sünden. Trotz der Glaubenswunder, mit denen Gott sie ausgestattet hatte, wurden sie gewöhnlich verhöhnt und für Lügner erklärt. Die großen Propheten waren Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus und Mohammed. Auch im Koran wird die Geburt Jesu der Schöpfung Adams an die Seite geftellt. Auch er war von Kind an ein Prophet und hat Wunder getan, die über alle anderen Propheten (Mohammed mit einbegriffen) hinausgehen.

Die Auferstehung ist im Koran sehr ausgeschmückt worden, aber die Grundzüge sind dem Christentum entnommen. Unter anderem heißt es, daß erst der Islam als Weltreligion eingeführt werden wird. Das Ende der Dinge beginnt mit den Posaunenstößen des Engels. Einer derselben streckt alles tot nieder, der andere bewirkt die Auferstehung.

Hierauf folgt das Gericht. Die Guten gehen über die haarscharfe Brücke ins Paradies, die Bösen fallen von ihr hinunter in den Höllenschlund. Jeder Mensch wird beim Gericht nach den Büchern der Schreiberengel gerichtet. Die Wagschale für gute und böse Handlungen spielt eine große Rolle, und diese Anschauung hat zu der späteren großen Werkheiligkeit des Islam geführt, die soweit geht, daß gute Handlungen sogar übertragen werden können. Hölle sowie auch Himmel haben verschiedene Stufen. Auch der Islam nimmt ein Fegefeuer an, aus dem eine Erlösung möglich ist. Das Paradies malt Mohammed bekanntlich äußerst sinnlich aus. Die Moral des Islams ist durchaus dem Charakter des Arabers angepaßt. Was die allgemein menschlichen Pflichten betrifft, so wird Mildtätigkeit gepriesen und oft noch sieht man Beispiele derselben. Genügsamkeit ist ferner ein Hauptvorzug des arabischen Lebens. Aber doch nimmt der Araber gerne Geld. Das Verleihen von Geld auf Zinsen ist eigentlich im Koran verboten, aber dies hindert nicht, dasß in Syrien der niedrigste Zinsfuß 12 Prozent beträgt.

Das Verbot, unreine Tiere, z. B. Schweine, zu essen, beruht im Islam wohl auf altem Gewohnheitsrecht. Der Genuß gegorener Getränke ist untersagt. Unter den Muslimen befinden sich selten Junggesellen. Die gesetzliche Grenze der Frauenzahl ist vier. Wenige sollen aber die volle Zahl haben, denn es kostet viel, und überdies sollen sie zu viel untereinander zanken, wenn nicht jede für sich allein wohnt. Die Frau wird als ein untergeordnetes Wesen betrachtet. Der Muslim sieht es ungern, wenn feine Frau fromm ist und betet. Die Verschleierung ist im Orient fast allgemein. Die Bauernweiber und die der Beduinen aber sieht man oft schleierlos. Die Leichtigkeit der Scheidung verdankt der Islam Mohammeds persönlicher Neigung. Der Muslim braucht nur ein Wort sagen, so muß die Frau sein Haus verlassen. Doch behält sie das Heiratsgut, das der Mann ihr gegeben hat. Eine Hauptaufgabe des Muslim ist das fünfmal am Tage sich wiederholende Gebet, dessen Zeit von dem Ausrufer angezeigt wird.

Und zwar erstens einige Zeit nach Sonnenuntergang, zweitens zur Zeit, wo es vollständig Nacht geworden ist, drittens bei Tagesanbruch, viertens am Mittage und fünftens gegen Abend. Diese Gebetszeiten geben zugleich die Einteilung des Tages. Auch in der Nacht dringt zuweilen höchst feierlich der „Ruf zum Gebet“ durch die Stille, um die etwa wachenden Gläubigen zu einem guten Werke aufzufordern. Sanitarisch vortrefflich ist die Pflicht, sich vor dem Gebet zu waschen. Zu diesem Zweck sind im Hofe jeder Moschee und auch auf der Straße Wasserreservoire angebracht. In der Wüste darf der Gläubige sich hiezu auch des Sandes bedienen. Der Betende stellt sich barfuß hin, das Gesicht gegen Mekka gewendet. Das Gebet beginnt damit, daß der Betende erst die Hände an die Ohrläppchen hält, dann etwas unter dem Gürtel. Dann folgen Niederwerfungen in bestimmter Reihenfolge. Am Freitag findet das Mittagsgebet drei Viertel Stunden früher statt und es folgt dann eine Predigt. Der Freitag ist der Sonntag des Muslim. Eine weitere Hauptpflicht des Gläubigen ist ferner das Fasten währen des Monats Ramadan.

Dies Fasten wird sehr streng gehalten, aber die Nächte mit ihren langen Schmausereien bringen eine Entschädigungen die man den ganzen Tag denkt. Erwähnung verdient noch die Wallfahrt nach Mekka, die jeder Gläubige einmal in seinem Leben zu unternehmen verpflichtet ist. Der eigentliche Pilgerzug geht über Damaskus und Medina. In der Nähe von Mekka müssen die Pilger ihre Kleider ablegen, selbst ihre Kopfbedeckung. Sie dürfen nur einen Schurz umbinden und ein Stück Zeug über die linke Schulter hängen. So wandeln sie um die Kaaba, küssen den schwarzen Stein, hören die Predigt am Arafat, einem Berge bei Mekka, werfen den Satan im Tale „Mini“ mit Steinen, und beschließen ihre Wallfahrt mit einem großen Opferfest. An dem Tage, wo dies in Mekka geschieht, werden im ganzen Gebiet des Jslam Schafe geschlachtet und ein Fest gefeiert. Bädeckers Reisehandbücher, worin die wichtigsten Stellen des Korans übersetzt sind, sowie der Koran selbst, den man jetzt in englischer Sprache (vielleicht auch in deutscher) haben kann, sind interessant.

Sonntag Morgen war’s. Die Sonne schien hell und klar vom wolkenlosen Himmel, eine sanfte Brise bewegte leicht die sich vom schwarzen Meere heranwälzenden Wasser des Bosporus. Die „Arabic“ hatte die Anker gelichtet und langsam glitt sie stromauf, oft ganz nahe am Ufer, wo wir neben der üppigen Vegetation die Villen und Prachtbauten der Vornehmen von Konstantinopel sahen. Da vor uns ist offenes Wasser, das Schiff hält seinen Kurs und bald sind wir im Schwarzen Meer. Da vor uns, nicht weit sagte ich mir, ist die Krim, wo viele meiner Bekannten herkommen. Gerne wäre ich, da ich schon so nahe war, hingefahren, aber es war nicht auf dem Programm. In weitem Bogen fuhr das Schiff herum, und bald waren wir wieder im Bosporus. Wir ließen noch wieder alle die Sehenswürdigkeiten an uns Vorübergleiten, ein wunderschönes, jede Minute sich veränderndes Bild.

Langsam gleitet Konstantinopel anscheinend an uns Vorüber, und endlich entschwindet die Stadt unseren Blicken.

Obzwar es noch im Februar war, war es doch schön und angenehm, aber im April oder Mai soll die schönste Zeit in und um Konstantinopel sein. Wenn der türkische „Cafetier“ seine Tische und Stühle unter der großen Platane vor seinem Cafe aufgestellt hat und die Schwalben auf der Rückreise von Aegypten um die Kuppeln der Moscheen schwirren, dann, heißt es, ist hier die schönste Jahreszeit.

Es war Sonntag Vormittag und im großen Salon war Gottesdienst. Der Gesang der christlichen Lieder hallte wahrscheinlich durch die geöffneten Fenster hinüber zum nahen Festlande auf beiden Seiten, nach Asien, sowie Europa. Wann wird die christliche Religion hier wieder festen Fuß fassen? Es scheint mir, so wie die Sachen jetzt stehen, in unabsehbarer Ferne zu liegen. Nachdem wir den Marmara See passiert hatten, ging’s wieder in die Dardanellen. Abends hörten wir einen Vortrag von Ger. For, M. A., Prinzipal der Universität von New Haven über das Thema: „Was tun europäische Städte für ihre Bürger?“

Smyrna.

Am nächsten Morgen um 7 Uhr ging das Schiff im Hafen Von Smyrna vor Anker. Nun waren wir wieder sozusagen auf biblischen Pfaden. Eine der sieben Kirchen von Asien stand einst hier. In Offenbarung Johannes 2, 8 heißt es: „Und dem Engel der Gemeinde zu Smzrna schreibe.“ Erdbeben, Pest, Krieg und Feuersbrunst haben hier seitdem gewütet. Hier war es, wo der getreue Bischof Polycarp aufgefordert wurde, Christum zu verleugnen oder den Märtyrertod zu erleiden. Aber er sagte darauf: „Achtzig und sechs Jahre habe ich ihm gedient und er hat mir kein Unrecht getan. Wie kann ich meinen König und Erlöser verleugnen ?“ Als die Peiniger ihn an einen Pfahl befestigen wollten, um ihn zu verbrennen, sagte er: „Laßt das, denn der, der mir Kraft gibt ins Feuer zu gehen, wird mir auch Kraft geben, ohne daß ihr mich mit Nägeln befestigt, im Feuer süll zu stehen“. Die Geschichte sagt, daß das Feuer ihn nicht verzehrte, daß der Wind die Flammen wegtrieb und daß er schließlich mit dem Schwert getötet wurde. Ein weithin sichtbarer Zypressenbaum ist das Denkmal, das über dem Grabe dieses Helden steht.

Die über 300,000 betragende Bevölkerung von Smyrna ist eine gemischte, ungefähr die Hälfte Mohammedaner, die andere Hälfte besteht aus Griechen, Armeniern, Juden, sowie andern Nationalitäten. Ein bedeutender Handelsartikel, der in alle Welt von hier aus versandt wird, sind Feigen. Dieselben gedeihen hier sehr und sind auch gut, nur scheint es mir, daß etwas mehr Reinlichkeit bei der Vesorgung derselben, sowie in vielen anderen Sachen, ganz am Platz wäre. C. Warner beschreibt die Stadt ungefähr wie folgt: „Es ist eine der ältesten Städte der Welt, hat aber nicht das Aussehen. Sie hat keine bestimmte Nationalität und doch sind hier alle Nationen vertreten. Es ist die zweite Handelsstadt des Ostens, hat aber keine Börse und keine geschäftlichen Verbindungen. Ihre Einwohner sind nicht Bürger oder Patrioten. Es ist eine asiatische Stadt mit einen europäischen Gesicht.“

Wir bestiegen den bereit stehenden Zug, der uns nach dem 48 Meilen entfernten Ephesus bringen sollte.

Der Zug bewegte sich einige Meilen zwischen den schönen Gemüse- und Orangengärten von Smyrna, dann ging’s durch etliche kleine Städte und Dörfer und nach einuneinhalbstündiger Fahrt kamen wir in dem neuen Ephesus an. Da die Ruinen der alten Stadt mehr als eine Meile entfernt waren, so mußte, wer nicht zu Fuß gehen wollte, einen der kleinen Esel besteigen und reiten. Eine Anzahl türkischer Soldaten zu Pferde begleitete uns, und bald waren wir bei den Ruinen der einstigen stolzen Stadt Ephesus.

Eine traurige Einöde jetzt. Eine Million Menschen sollen hier einst gelebt haben, und jetzt, ausser einigen Wachtposten, niemand. Die Ruinen, obzwar zerfallen, zeigen, daß hier einst eine der größten Städte alter Zeiten war. Hier war eine der sieben Kirchen in Asien, wovon es in Off. Joh. heißt, „daß vier erhalten und drei untergehen würden.“ Dies hat sich erfüllt, die Städte, wo die vier Kirchen stehen, sind erhalten, aber die anderen drei sind zerfallen. Wir kamen zu den Ruinen eines Theaters, das mehr als 700 Fuß im Durchmesser ist und einst über 50,000 Zuschauer hielt. Hier wurde der Aufruhr gegen Paulus ins Werk gesetzt; hier hinein wollte der Apostel, um sich und seine Lehre zu rechtfertigen. Aber seine Freunde hielten ihn zurück, während die Menge sich heiser schrie: „Groß ist die Diana der Epheser“.

Vom Stadion ist auch noch genug übrig, um sich einen Begriff seiner einstigen Größe machen zu können. Paulus sagte, er habe in Ephesus mit wilden Tieren gekämpft. Es wird behauptet, daß in die Arena, in der sich hungrige Löwen, Tiger usw. befanden, oft Gefangene geführt wurden und während sich die Tausende von Zuschauern belustigten, rangen Mensch und Tier auf Leben und Tod, wobei natürlich die wilden, hungrigen Bestien meistens den Sieg behielten. Aber es gab noch viele andere stumme Zeugen längst vergangener Zeiten. Da waren Ueberreste von Tempeln, lange Reihen von teils stehenden, teils umgefallenen Säulen von schwerem Stein, kunstvoll bearbeitet von geschickter Meisterhand.

Aber nun kam das wichtigste, die Ueberbleibsel des Tempels der Diana. Wenig ist davon übrig, aber die Geschichte sagt uns etwas über diesen großartigen Bau. 220 Jahre dauerte es, bis dies Werk vollendet war. Die Länge betrug über 400, die Breite über 200 Fuß. Ganz Asien mußte dazu beisteuern. Ueber 100 Säulen von 60 Fuß Höhe, jede das Geschenk eines Königs, mit dem Namen des Gebers eingemeißelt, umgeben ihn. Acht von diesen Säulen, aus schönem grünem Jaspar gefertigt, sah ich in der St. Sophien Moschee in Konstantinopel. Die Göttin Diana befand sich in diesem Tempel. Die Schätze von Nationen wurden hier aufbewahrt. Verbrecher aus aller Welt, die in diesen Tempel flüchteten, waren sicher; keine Macht konnte sie antasten.

Wir brachen auf, nachdem noch einige Erinnerungen wachgerufen wurden. Hier predigte Johannes und von hier aus wurde er auf die Jnfel Patmos verbannt. Verschiedene andere in der Bibel erwähnte Personen lebten und wirkten hier.

Es fing an zu regnen, und da ich meinen Schirm im Hotel gelassen hatte, so ging ich neben einem wild aussehenden Beduinen, der einen Negenschirm hatte, und, obwohl wir kein Wort miteinander sprechen konnten, so verständigten wir uns doch. Auf dem Wege sahen wir eine in Lumpen gehüllte Frau auf der Straße sitzen, die laut weinte und viel sprach, wovon ich natürlich nichts verstand; ein Geldstück schien sie etwas zu beruhigen. Bettler waren zahlreich und die Bevölkerung scheint arm zu sein.

Der Zug brachte uns wieder zurück nach Smyrna, wo wir noch etwas Zeit hatten, daß Leben auf den Straßen zu beobachten. Da waren Limonadeverkäufer, die eine Anzahl Trinkgläser im Gurt, wie der Soldat seine Patronen, trugen und riesige Flaschen unter dem Arm. Leute mit lebendem Geflügel behangen, welches an den Füßen wie ein Blumen-Bouquet zusammengebunden war. Karawanen von beladenen Kamelen bewegten sich schwerfällig durch die Straßen. Vor den Kaffeehäusern saßen Männer in ungemein weiten Hosen und rauchten gemütlich die oft eimergroße Wasserpfeife.

Am 14. Februar, 5 Uhr nachmittags, verließ das Schiff Smyrna. Am nächsten Abend hatten wir ein Konzert, aufgeführt von den berühmten Dir-Kindern von Boston. Ich muß bemerken, daß die Schiffsgesellschaft diese Truppe speziell für diese Reise engagiert hatte, um für Unterhaltung zu sorgen.

Syrien und Damaskus.

Es ging an der Patmos Insel vorüber und am Morgen des 17. lag das Schiff im Hafen von Beirut vor Anker.

Beirut ist eine zielnlich große Stadt und ein belebter Hafen, aber sonst ist für den Reisenden nicht Viel Interessantes da. Und so bestiegen wir um 8 Uhr schon den Zug, der uns nach Baalbeck und Damaskus bringen sollte. Zwischen Orangen-, Blumen- und Gemüsegärten ging’s steil bergauf aufs Libanon Gebirge. Es ist zum Staunen, wie dies Gebirge, oder besser gesagt, jeder Fuß Erde darauf kultiviert wird. Terassenförmig. wie eine riesige Treppe sieht es aus. Unten sind Orangenbäume, Weinreben usw. und je nach der Höhe, andere Bäume oder Gemüsearten und hoch oben bis im Schnee Getreide. Man denke sich ein Weizenfeld auf einer vielleicht fünf Fuß breiten Terasse, 5000 Fuß hoch am steilen Bergesabhange. Unsere Erntemaschinen sind dort also nicht angebracht und es wird natürlich auch alles von Menschenhand bearbeitet. Nun waren wir oben auf dem Libanon, wo einst Cedern zum Tempel Salomos geholt wurden, aber jetzt sind nur noch wenige dieser Bäume übrig. Der Libanon ist heute fast baumlos.

Flower Seller and Beggar in Palestine

Ein weites Tal breitete sich vor unseren Blicken aus, die Gegend war schön und eben. Bei der Station Rayak hielten wir an für Mittag. Eine große Anzahl Neugieriger stand an den Fenstern, während wir Mittag hielten. Bei jedem Fenster drängten sich ein Dutzend um den besten Platz, uns zu beobachten. Um 3 Uhr kamen wir in Baalbeck an. Das erste waren hier natürlich die Ruinen des alten Baals Tempels. Viel hat man von der Großartigkeit dieser Tempelruinen gelesen, aber die Wirklichkeit übertraf weit meine Erwartungen. Jahrhunderte waren Baalbek und seine Ruinen die Wunder der Welt. Baalbek war vor Zeiten die berühmteste Stadt Syriens, geschmückt mit Palästen, Tempeln und Denkmälern. Seine alte Geschichte ist einigermaßen in Vergessenheit geraten. Hier soll früher die Hauptstätte für den Gottesdienst des Baal gewesen sein. Der Große, sowie der Sonnentempel erwecken in dem Besucher große Bewunderung, man kann sich von der gigantischen Baukunst dieser herrlichen Werke schwer eine Vorstellung machen. 6 von den 58 im korinthischen Stile gearbeiteten Säulen stehen noch, die andern liegen umgefallen. Diese massiven Steinsäulen sind 75 Fuß hoch und 7 1/2 Fuß im Durchmesser. Die mächtigen Steinblöcke, die zur Errichtung dieser Wunderbauten dienten, haben je ein Gewicht von einigen tausend Tonnen, und es sind die größten Steinmassen, die je gehandhabt wurden. Es waren Steine in der Mauer von 36 Fuß Länge, 15 Fuß Breite und 12 Fuß Höhe, und diese Steinriesen waren so kunstvoll bearbeitet, daß (Kalk oder Mörtel war nicht verwendet, sondern die Steine waren bloß zusammengelegt) ich an den Fugen nicht einmal die dünnste Messerklinge zwischenschieben konnte. Trotz der seit tausenden von Jahren angestellten Erörterungen und Untersuchungen, ist es noch heute für Ingenieure ein Rätsel, wie es möglich gewesen ist, die mächtigen Blöcke aus den Steinlagern zu holen.

Am Morgen des 18. verließen wir Baalbek mit dem Bewußtsein, daß die Großartigkeit der Ruinen daselbst stets tief im Gedächtnis eingeprägt bleiben würde. Der Zug erstieg wiederum die Gebirgskette des Anti Libanon in einer Höhe von 4000 Fuß, um dann ins Tal, worin Damaskus liegt, zu gelangen. Die Entfernung von Beirut bis Damaskus beträgt 91 Meilen,von denen ein größerer Teil auf und neben der alten Karawanenstraße zurückgelegt wird, die seit Abrahams Zeiten benutzt wurde. Während unser Zug auf dem Seitengeleise bei einer kleinen Station wartete, kam ein langer Zug mit Pilgern von Mekka herein. Sobald derselbe hielt, schwärmten die Menschen wie Bienen aus demselben heraus. Hunderte von düsteren verschlossenen Gesichtern, jeder schwer bewaffnet und im Turban, das Zeichen, daß er in Mekka gewesen sei. Die meisten knieten, nachdem sie die Hände mit dem Wasser, das jeder in einer kleinen Blechbüchse an der Seite trug, gewaschen hatten, bin zum Gebet. Einige, die etwas spät mit dem Gebet angefangen hatten, beendigten ruhig dasselbe, obzwar der Schaffner schon einige Male die schrille Blechpfeife geblasen und der Lokomotive das Abfahrtssignal gegeben hatte. Der Zug mußte warten, bis alle ihr Gebet beendigt hatten. Auf dieser Bahnstrecke war es, wo ein gewisser Warkentin von Kansas, wenn ich nicht irre, vor einigen Jahren erschossen wurde. Ich erkundigte mich bei unserem syrischen Führer, welcher mir die Begebenheit erzählte und hinzufügte, daß der Täter jetzt noch im Gefängnis sei, aber nicht hingerichtet werden würde, indem der Getroffene (der Tod soll nicht sofort eingetreten sein) vor seinem Tode dem Täter in wahrhaft christlicher Weise verziehen und Fürbitte für ihn getan hätte.

Wir fuhren weiter, dem Laufe eines Nebenflusses folgend, oft durch enge Schluchten und Täler, wo noch ziemlich viel Holz war. Hier sah ich das einzige Mal während der ganzen Reise Klafterholz nach amerikanischer Art. Um 4 Uhr nachmittags kamen wir in ein schönes weites Tal, die Dome und Minaretten von Damaskus waren sichtbar. Wenn sich der Zug der ältesten Stadt der Welt nähert, mitten durch herrliche Gemüse- und Obstgärten, welche die Stadt wie mit einem Mantel von Schönheit umgeben, genießt man einen Anblick, der jedem Reisenden in Erinnerung bleiben wird. Ein Gefühl der Erwartung beschlich mich, als der Zug in der ältesten Stadt der Welt hielt. Keine Chronik sagt, wie alt sie ist, ihre Spuren verlieren sich in dem Dunkel von Jahrtausenden vor Christi Zeit. Niemals ist diese Stadt, sowie andere alte Städte, gänzlich zerstört worden. Erst kürzlich ist Damaskus durch die Eisenbahn mit der Welt direkt in Berührung gekommen und folglich haben sich hier die morgenländischen Sitten und Gebräuche besser bewahrt als irgend sonstwo. Fuhrwerke brachten uns zu den verschiedenen Hotels. Ich erhielt ein schönes Zimmer im Hotel Viktoria. Unter den Fenstern meines Zimmers rauschten die Wasser des Amana-Flusses. Wir lesen in 2. Kön. 5, daß dem Feldhauptmann von Syrien, um vom Aussatz rein zu werden, vom Propheten Elisa gesagt wurde: „Gehe hin und wasche dich siebenmal im Jordan“ Worauf Naemann sagte: „Sind nicht die Wasser „Amana“ und „Parphar“ in Damaskus besser denn alle Wasser in Israel?“ usw.

Am ersten Abend ging ich nur eine kleine Strecke vom Hotel hinaus und zwar bis zu einein offenen Platz, dem sogenannten Großmarkt. Hier steht eine Eiche, welche sehr alt sein soll, und früher sowie jetzt noch häufig als Galgen benutzt wird.

Hier sah ich schon einiges von dein Leben und Treiben der Einwohner Damaskus. Gesichter mit den verschiedensten geistigen und leiblichen Ausdrücken waren da. Etwas Düsteres, Scheues und Wildes scheint auf den Kindern des Morgenlandes zu ruhen. Heitere, offen schauende Menschen gibt es da wohl selten. Da waren Beduinen mit feurigen Augen, tätowierte Fellahweiber, Türken mit rotem Fez, Juden mit scheuem Blick und schlaffen Zügen, Derwische, griechische Mönche usw. Dann kamen lange Reihen von Karawanen, Kamele mit langen Balken beladen, Esel zum Zusammenbrechen schwer mit Bausteinen beladen, Beduinenhäuptlinge zu Roß und türkische Soldaten. Der Amana-Fluß ist hier gänzlich überbrückt und läuft unsichtbar unter der Stadt hin.

Der Limonadeverkäufer trägt einen großen Krug auf dem Rücken, und während er beständig mit den messingenen Tassen klappert, ruft er (wie es in Leitbüchern übersetzt wird) „Erfrische dein Herz, lösche die Hitze“. Wenn jemand ein gutes Werk tun will, bezahlt er für den ganzen Krug worauf der Trank frei verteilt wird. Blumen werden zuweilen mit dem Ruf „Besänftige deine Schwiegermutter“ feilgeboten. Waren, die auf der Auktion verkauft werden sollen, werden durch die Straßen getragen, und es wird beständig ausgeschrien, wie viele Piaster schon dafür geboten sind. Wir sollen auch noch etwas von dem Leben und Treiben der Vornehmen in Damaskus sehen, und zu dem Zweck öffnete man uns die Tore, die auf den, von einer hohen Steinmauer umgebenen Hof eines bedeutenden Geschäftsmanns führten. Man sollte nicht glauben, daß an der engen schmutzigen Straße an der anderen Seite der Mauer solche Pracht sich entfalten würde. Die Gebäude im maurischen Stile erbaut mit der schönsten Mosaik ausgelegt, kostbare Möbel von Oelbaumholz mit Perlmutterverzierung, während in der Mitte ein Garten angelegt war, worin Orangenbäume, tropische Blumen und Pflanzen dufteten. In den Marmorbassins spielte plätschernd die Fontäne. Die Eigentümer zeigten sich sehr liebenswürdig, und durch unseren Dolmetscher suchten sie einiges über Amerika zu erfahren.

Es ist zum staunen, wie besonders unser Saskatchewan überall angezeigt wird, und wie neugierig oft die Leute sind, etwas darüber zu hören. In Damaskus sah ich eine Karte unserer Provinz an der Wand und verschiedene Zirkulare der C. P. R. in syrischer und englischer Sprache mit Beschreibungen und Abbildungen des kanadischen Westens. In Italien sah ich später auf den Eisenbahnen, im Speisewagen ein Kästchen eigens für den Zweck angebracht, um freie Literatur der C. P. R. zu verteilen.

Am Morgen des 21. verließen wir Damaskus und kamen abends wieder in Beirut an. Dr. Bliß, ein amerikanischer Missionar, hielt abends einen Vortrag auf dem Schiff, und manches Interessante durften wir da hören.

Das Heilige Land.

Am Morgen des 22. hielt das Schiff vor Haifa in der Bucht von Aire, um diejenigen unserer Gesellschaft, die anstatt Baalbek und Damaskus, so wie ich, Nazareth und Tiberius besucht hatten, aufzunehmen. Nun wurden unsere Handkoffer, die wir mit nach Jerusalem nehmen wollten, in wasserdichte Leinwand eingenäht, und nun fing auch ich an die Landung in Jaffa, die von vielen seit dem Beginn unserer Reise gefürchtet und besprochen wurde, etwas zu fürchten. Wie, dachte ich, wenn die Koffer, die doch mit uns in demselben Boot gelandet werden, so geschützt werden müssen, wird es da mit uns werden. Ich hatte, obzwar ich schon einige Zeit auf dem salzigen Naß gereist war, doch einen gewaltigen Respekt vor demselben. Mittags kamen wir Vor Jaffa an. Das Schiff ging vielleicht zwei Meilen vom Lande entfernt vor Anker. Zwei Felsenrücken, deren zackige Spitzen bald hier, bald dort aus dem Wasser hervorragten bald wieder verschwanden, trennten uns vom Ufer. Die See war nicht sehr unruhig, denn in dem Falle wäre das Landen einfach unmöglich, aber doch tanzte die Flotte Von Booten, die jetzt vom Ufer herankam uns zu holen förmlich auf den Wellen. Nachdem die Boote angekommen waren, hieß es einsteigen. Langsam und unentschlossen stiegen wir die lange Schiffstreppe hinab, niemand drängte sich darum, der erste zu sein, aber doch, es war nicht schlimm. Zwei Matrosen standen unten auf der Schiffstreppe und halfen mit, während zwei wettergebräunte Araber im Boot einen nach dem andern mit einem Ruck ins Boot zogen, sobald dasselbe nahe genug kam. Bald war das kleine Boot weit unten, bald oben, bald nahe am Schiff, bald in einiger Entfernung. In jedem Boot waren 6 Mann, 6 Ruderer, ein Steuermann und ein Befehlshaber und 20 Passagiere. Die Ruderer legten sich nun in die Riemen und ruderten kräftig dem Lande zu. Wie die Riesenzähne eines Seeungeheuers ragten jetzt die Felsen vor uns auf. Da kommt eine Woge, auf ihrem Rücken gleiten wir über die ersten Riffe dahin.

Eine Gefahr war vorüber, einer der Araber reichte seinen Fez herum, und wir hörten das bekannte Wort „Backschisch“. Da noch nicht alle Gefahr vorüber war, so fiel das Trinkgeld wahrscheinlich etwas reichlicher aus, als unter anderen Umständen, und dies hatten die Araber natürlich klug berechnet Eine günstige Gelegenheit benutzend, führten sie das Boot sehr geschickt auf den Rücken einer Woge durch die enge Felspforte, und bald waren wir gelandet. Terassenförmig erhebt sich Jaffa, das alte Joppe, mit seinen weißen Häusern. Stolze Palmen überragen dieselben, und die blauen Höhen im Hintergrund sind das Gebirge Juda. Jaffa ist der Ort, wo 1000 Jahre Vor Christi Geburt König Hiram von Tyrus dem Könige Salomo Zedernholz Vom Libanon sandte, um den Tempel Jerusalems zu bauen, und der Prophet Jonas sich einschiffte, als er zu fliehen beabsichtigte, und wo Petrus auf dem Hause Simons die sonderbare Erscheinung hatte. Von hier aus ist auch wiederholt das Volk Israel zur Zerstreuung unter alle Völker, und sind auch die Apostel ausgezogen. Von einer Amerikanerin, die vor nicht langer Zeit mit dem Schiff nach Jaffa kam, wird berichtet, daß sie dasselbe nicht verließ, während ihre Begleiter in Palästina landeten. Sie fürchtete, daß der Anblick des gelobten Landes, so wie es heute ist, den feierlichen Eindruck, den sie davon durch Bibelstudien sich eingeprägt hatte, verwischen würde. Ganz anders war der Eindruck, den ein junges Mädchen unserer Gesellschaft davon erhielt. „Wissen Sie“, hatte sie erzählt, „als wir gelandet waren, fiel meine teure Mutter auf die Knie und küßte den Grund, wo einst unser Erlöser wandelte, und ich schäme mich auch nicht zu sagen, daß auch ich ein Gleiches getan habe.“

By a Station in Lebanon

Das erste, was uns in Jaffa gezeigt wurde, war das traditionelle Haus Simons des Gerbers. Aus der Steintreppe stieg ich hinauf aus den Söller. War hier wirklich der große Apostel gewesen? Fast glaubte ich, jetzt noch seine Nähe zu fühlen. Die Orangengärten von Jaffa sind sehr schön und die Frucht soll die beste der Welt sein. „Wir haben sehr gute Orangen in Kalifornien“, sagte ein Gefährte, „aber diese sind doch besser.“ Für einen Shilling kaufte ich einen großen Korb voll dieser herrlichen Frucht rund nahm denselben mit nach Jerusalem. Wir bestiegen den aus einer Anzahl sehr kleiner Waggons bestehenden Zug, der uns nach Jerusalem bringen sollte, eine Entfernung von 54 Meilen. Das erste, was wir sahen. Nachdem wir die Stadt hinter uns hatten, war die Ansiedlung der deutschen „Templer“ von Sarona, die, wie gesagt wurde, hier gute Fortschritte machen. Nun befanden wir uns aus der Ebene Saron. Die Rose von Saron, die wir in der Bibel erwähnt finden, blüht hier im Ueberfluß. Das Bahnbett war davon wie mit einem Teppich überzogen, doch wurde das dunkle Rot derselben unterbrochen von andern wilden Blumen in allen möglichen Farben. Nirgends habe ich so viel wilde Blumen gesehen wie in Palästina. Große Oliven- und Orangengärten wechselten ab mit saftig grünen Getreidefeldern Und Gemüsegärten. Wie so schön ist das heilige Land! Wie anders hatte ich mir dasselbe jetzt vorgestellt. Wir hielten bei der Station Lyda. Hier wurde uns eine Orange von enormer Größe gebracht, die 28 Unzen wog und 15 Zoll Umfang hatte. Das nächste war die Station Ramleh. Dies soll das Arimathea des neuen Testaments sein, und das lateinische Kloster soll auf dem Platz errichtet sein, wo einst das Haus des Nikodemus stand. Bei der französischen Invasion schlug Napoleon hier sein Hauptquartier auf. Bei der Weiterfahrt wurde uns die jüdische Kolonie bei Akir, dem einstigen „Ekron“ gezeigt. Diese Philisterstadt wurde einst von Josua eingenommen. Hier wurde einst die Bundeslade hingebracht, aber wir wissen, auf welcher Weise die Einwohner dieselbe wieder fortschaften. Die schöne Ebene, die wir bis jetzt durcheilt hatten, schien sich in eine Hügelkette aufzulösen, und bei der nächsten Station „Seyed“ waren wir schon in das Gebirge Juda eingefahren. Nun änderte sich die Gegend rasch, anstatt grüner Wiesen und Gartenanlagen, befanden wir uns inmitten von dürftig bewachsenen Felsenbergen, an deren steilen Abhängen oft eine Schafherde nach Futter suchte, während der Schäfer, den Schäferstab in der Hand, dastand und aufzupassen schien, damit er ja keines derselben verliere.

Hier herum war es, wo sich die Begebenheit mit Simson und Delila abspielte.

Jerusalem.

Durch einen engen Gebirgspaß gelangten wir zu den Höhen nicht weit von Jerusalem. Die Station Bittir ist der Ort, wo die Juden im Jahre 134 ihren letzten vergeblichen Versuch machten, ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen. An vielen historischen Plätzen vorüber, immer höher stiegen wir. Voll Erwartung schauten wir hinaus, als der Ruf: „Jerusalem in Sicht!“ erscholl. Ich muß gestehen, es war einer der bedeutendsten Momente meines Lebens. Da waren die Türme der Stadt, die über der bei 35 Fuß hohen Mauer, die die Stadt umgibt, hervorragen. „Jerusalem“, hieß es, der Zug hielt, wir waren am Ziel. Ja, richtig, da war ja der Name „Jerusalem“ in englischer, so wie in anderer Sprache an dem aus Stein erbauten Stationsgebäude. Eine Anzahl arabischer Kutscher standen mit ihren Fuhrwerken bereit, und bald ging es in halsbrecherischem Tempo, dem etwa eine Meile entfernten Jaffa Tor zu. Durch das Tal „Hinom“ und wieder hinauf gelangten wir zur Mauer, und gleich darauf durch das Tor. Beim „Grand New Hotel“ nahe dem Tor und gegenüber dem sogenannten Davidsturm, jetzt eine türkische Festung, war ein Zimmer für mich schon belegt. Von dem Fenster meines Zimmers schaute ich hinab auf die Stadt. Ja wahrlich, das war nicht das Jerusalem Salomos, als die Königin Saba kam, es zu besuchen. Es war die Stadt, von der Jeremias sagt: „Ist das die Stadt, von der man sagt, sie sei die allerschönste, der sich das ganze Land freuet?“ Mein Gedankengang wurde gestört, indem die Glocke zum Abendessen läutete. Nach demselben, obzwar es schon finster geworden war, wollte ich noch hinaus nach dem Oelberg. Mein Führer aber riet mir entschieden ab, indem er meinte, daß es erstlich etwas zu weit sei, und zweitens, daß es nach Eintreten der Dunkelheit ziemlich unsicher in den Straßen sei.

Am nächsten Morgen frühe hielt es mich nicht länger im Zimmer, hinaus ging’s aus die Straße. Ein reges Leben herrschte hier. Beduinenweiber mit Körben voll Gemüse kamen heran, kleine Esel, ebenfalls mit Gemüse und anderen Nahrungsmitteln beladen, hielten schon hier ans offener Straße und in dem Graben, der den Davidsturm umgibt, schien eine Art Marktplatz zu sein. Käufer kamen und gingen, ein Feilschen und Schachern begann daß es zum Staunen war. Dort saß ein altes Mütterlein, vielleicht ein halbes Dutzend Krautköpfe, die sie sorgfältig hütete, zum Verkauf ausbietend, ein Käufer kommt und fragt um den Preis. Nun beginnt ein Schachern und Feilschen, als handle es sich um den Verkauf der ganzen Stadt. Endlich, nach langem Handeln, wird man einig, der Käufer entfernt sich mit einem Krautkopf unter dem Arm. Eine Karawane von Kamelen kam langsam und schwerfällig heran, aber dies Straßenleben war es nicht, das mich lange fesseln konnte. Es wurde uns ja vorher gesagt, daß wir in Jerusalem nicht die Gegenwart, sondern die Vergangenheit desselben an unserem geistigen Auge voriibergehen lassen sollten. Dies also war der Ort, wo einst Psalmisten sangen und Propheten weissagten. Dort ist der Oelberg, Zion und Moriah. Könige und Propheten haben ebenso aus dieselbe geschaut wie ich. Der, von dem Johannes sagt, daß er nicht würdig sei, die Riemen seiner Schuhe aufzulösen, wandelte hier einst, und irgendwo in der begrabenen Stadt unter uns trug er sein Kreuz. Diese Berge hier herum erbebten einst, als er verschied.

Der Name „Jerusalem“ kommt (nach Osborn) 818 Mal in der heiligen Schrift vor. „Keine Stadt der Welt,“ heißt es in Ninks, Auf biblischen Pfaden, „hat so hohe Gnadenoffenbarungen gesehen, von der Zeit, als sie zum ersten Mal in der Bibel genannt wurde, bis zum Beginn unserer Zeitrechnung; keine Stadt der Welt hat aber auch so furchtbare Schicksale erlebt wie Jerusalem, keine andere Stadt ist so oft belagert -—— 32 Mal —- und so oft und so griindlich zerstört worden wie Jerusalem. Von keiner der größeren Völkerbewegungen von der Zeit der Pharaonen bis auf Napoleon ist sie unberührt geblieben. Nie aber hat sie so gräßliche Szenen gesehen, wie diejenigen waren, wie die Geschichte von der letzten Zerstörung der Stadt durch den römischen Feldherrn Titus meldet.

Die Grabeskirche war das erste, was uns jetzt gezeigt wurde, und zwar verfolgten wir die sogenannte „Via Dolorosa“, eine enge holperige, mit Steinen ausgelegte Straße. Obzwar es nicht sicher ist, ob die gezeigten Plätze wirklich das sind, wofür sie bezeichnet werden, so muß man sich doch sagen, hier oder hier in der Nähe war es, und es wurde uns auch schon vorher geraten, uns nicht durch vielleicht berechtigten Zweifel den Eindruck, den diese geweihten Stätten auf den Besucher machen, rauben zu lassen. Also hier, oder hier in der Nähe, was ist der Unterschied. Die erste sogenannte Station des Kreuzes war der Richtplatz, wo Pilatus richtete. Die zweite ist der Ort, wo das Kreuz auf des Heilandes Schultern gelegt wurde; in der Nähe ist die „Schule. der Schwestern von Zion“, durch eine eiserne Pforte gingen wir in ihre Kirche ein. Hinter dem hohen Altar ist die dritte Station, der „Ecce Homo“ Bogen. Dies soll der Ort sein, wo Pilatus ausrief: „Seht, welch ein Mensch!“ Weiter ist der Platz, wo Simon das Kreuz auf seine Schultern nahm. Dies ist besonders bildlich dargestellt. In Lebensgröße ist die Gestalt des Heilandes, wie er unter der Last des Kreuzes zusammenbricht (Wawsfigur) dargestellt. Im ganzen sind acht Stationen bis wir nach Calvary, über welches jetzt die große Grabeskirche gebaut ist, gelangen.

Schwerlich kann jemand diesen Ort sich nähern, ohne ein Gefühl der Weihe, die diesen Ort zu umgeben scheint, zu empfinden. Generationen von Pilgrimen haben diesen Ort besucht in dem einfachen Glauben, daß hier ihr Heiland gekreuzigt wurde, daß sein Körper hier lag, und daß er sich hier nach seiner Auferstehung zeigte. Vor dem Eingang war eine bunte Menge versammelt. Verkrüppelte Bettler, zähe jüdische Händler und türkische Soldaten. Letztere sind dort, um irgenwelche Streitigkeiten, die zwischen den verschiedenen christlichen Gemeinschasten, die diese Kirche gemeinsam besitzen, entstehen, zu unterdrücken. Wir traten ein. Es war nicht ein Gebäude, sondern, da es immer vergrößert worden ist, ein Gewirr von Gebäuden. Das erste, was uns gezeigt wurde, war der Salbungsstein, wo der Leichnam, nachdem er vom Kreuz genommen war, gesalbt wurde. Russische Pilger küssen den Stein, während Tränen über ihre gefürchten Wangen rollen. In der Nähe ist der Ort, von einem Gitter umgeben, wo Maria stand und auf das Grab schaute. Einige Schritte weiter und wir traten in die Rotunde ein. Der Dom derselben ist 65 Fuß im Durchmesser. Das heilige Grab ist in der Mitte der Rotunde, und liegt in einer Kapelle 26 Fuß lang und 18 breit, aus Marmor erbaut; eine niedrige Tür führt ins Grab. Dasselbe ist 6 bei 7 Fuß und können nur 3 bis 4 Personen zugleich eintreten. Die Kapelle wird von 43 nie erlöschenden Lichtern beleuchtet. Sehen wir, wie die Menge, einer nach dem andern, in das Grab eintritt: Viele, besonders die Russen, rutschten schon auf ihren Knien herein, betend und schluchzend, andere treten still ein, knien ebenfalls nieder, und wieder andere gehen hinein, stehen eine Weile gedankenvoll und kommen wieder heraus, aber ein ernster Zug scheint aus jedem Gesicht beim Betreten und Verlassen dieses kleinen Raumes zu liegen. In der, in der Nähe befindlichen, Engelskapelle ist ein Teil des Felsens, den der Engel vom Grab wälzte. Die 15 Lampen gehören den verschiedenen Gemeinschaften. 6 riesige Leuchter stehen vor demselben. Bei der Syrischen Kapelle sind in einer Felsengrotte Gräber, wovon eines als das des Nikodemus bezeichnet wurde. Weitergehend, sahen wir, mit Marmor ausgelegt, den Ort, wo Maria gestanden haben soll, als Jesus sagte: „Weib, warum weinst du?“ Einige Stufen hinaufsteigend, gelangten wir zur Römisch-Katholischen Kapelle.

Unter den historischen Dingen, die in der Grabeskirche gezeigt werden, ist die Kapelle der Teilung. „Und sie teilten seine Kleider“ (Lukas 23-34). Von hier führt eine Treppe hinab nach der Kapelle von St. Helena, und von dort aus nach dem Ort wo, der Sage nach, die drei Kreuze gefunden wurden. Hier saß die Kaiserin Helena und leitete die Ausgrabungen, bis die Kreuze gefunden wurden. Um nun auszufinden, welches das richtige sei, wurde eins nach dem andern in das Bett einer totkranken Frau gelegt, und, sobald das richtige ihren Körper berührte, war die Frau geheilt.

An dem Ort, wo die Dornenkrone auf sein Haupt gesetzt wurde, vorbei, gelangten wir nach Calvari, oder der Kapelle der Kreuzigung. Die Löcher im Stein bezeichnen die Stelle, wo die Kreuze gestanden haben sollen. Ein Felsenspalt in der Nähe soll damals entstanden sein, wovon es heißt: „Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen.“ Im Nord- und Südende der Grabeskirche sind kleine Oeffnungen, und durch dieselben nehmen die orientalischen Christen am Ostertage das sogenannte heilige Feuer. Die Grabeskirche Verlassend, ging es auf engen holperigen Straßen zur Klagemauer. Diese besteht aus einigen Schichten sehr großer Sandsteine unten (15 Fuß lang) und oben kleinere Steine. Diese untersten Steine sollen Vom Tempel Salomos sein, und jeden Freitag versammeln sich die Juden hier und klagen, wie einst Jeremias klagte. Diese Klagemauer ist wohl einzigartig in der Welt, und wenn man so dasteht und die hohen Mauern, von denen Schlinggewächse vereinzelt herniederhängen und deren unterste Steinschichten tatsächlich von den Lippen Tausender, die im Laufe von Jahrhunderten diese Steine geküsst haben, stellenweise glattgerieben sind, betrachtet, so muß man sich unwillkürlich sagen: „Dies Volk fühlt, daß es viel verloren hat.“ Alte Männer in zerrissenen Kleidern, ein altes Buch in der Hand, stehen dort, und, während der Körper sich hin und her bewegt, murmeln die Lippen einen Klagelaut nach dein andern. Alte Mütterlein, der Rücken unter der Last der Jahre gekrümmt, stehen ebenso, zuweilen rollen die Zähren über die gefurchten Wangen; auch kleine Kinder und Jünglinge in buntem Durcheinander. Zuweilen ist einer der Vorleser, und nachdem derselbe einen Satz gelesen hat, beantworten die Umstehenden. Z. B. Vorleser: Wir bitten dich, erbarme dich Zions. Volk: Sprich zum Volke Jerusalems. Vorleser: Majestät und Schönheit soll Zion umgeben. Volk: Wende dich gnädig zu Jerusalem. Vorleser: Möge bald das Königreich über Zion erscheinen. Volk: Tröste die Trauernden zu Jerusalem. Vorleser: Möge Frieden und Wonne einkehren zu Zion. Volk: Und der Zweig Jesse aufsprießen zu Jerusalem. Oder ein anderes beginnt. Vorleser: Wegen des Palastes, der wüste liegt. Volk: Sitzen wir einsam und weinen, usw.

Will jemand eine Reise antreten, so schlägt er einen Nagel zwischen den Stein, kehrt er wieder zurück, so zieht er denselben wieder aus, stirbt er aber unterwegs, so soll dies die Nachbleibenden erinnern, hier in Gebeten des Toten nicht zu vergessen. Während die meisten es wohl sehr ernst mit ihrem Klagen und Jammern nehmen, so gibt es auch verschmitzt aussehende Gesichter, bei denen der Mund wohl klagt, das Herz wohl aber einen Schacher zu planen scheint. Ein solcher kam nämlich auf mich zu und wollte Geld haben, dafür daß ich mich aus eine der herumstehenden wackeligen Bänke setze. Wir verließen die Klagemauer, nachdem ich mir noch ein Steinchen, das schon ganz glatt geküßt war, von der Mauer losgebrökelt hatte, um es als Andenken mitzunehmen.

Der Oelberg.

Voller Erwartung erstieg ich am nächsten Morgen den Wagen, der mich nach Gethsemane und dem Oelberg bringen sollte. Durchs Jaffa Tor verließen wir die Stadt; und nun ging’s außerhalb der Mauer und hinab ins Tal Josephat. Dort unten war der Kidron und jenseits desselben erhebt sich sanft aufsteigend der Oelberg. Am Abhange desselben sehen wir rechts die Gräber von Tausenden von Juden, darunter das traditionelle Grab Absaloms. Am Fuße des Oelbergs angelangt, sah ich einen Garten, umgeben von einer hohen Steinmauer. Die alten knorrigen Häupter einiger Oelbäume, sowie die kerzengeraden Kronen einiger Zypressen überragten dieselben. An der anderen Seite des Weges war ebenfalls eine Steinmauer, und auf dieser engen Straße, welch ein Anblick bot sich mir dar! Mehr als ein Dutzend Aussätzige saßen dort, elende Geschöpfe. Einige streckten ihre Arme, von denen die Finger bereits abgefallen waren, uns entgegen und riefen Backschisch (eine Gabe), andere zeigten ihre Füße, wovon bereits die Zehen und ein Teil des Fußes der heimtückischen Krankheit zum Opfer gefallen war. Wieder bei anderen war die Krankheit im Gesicht; schrecklich. Ihr klägliches Backschisch Rufen, sowie der Anblick dieser Aermsten aller Armen, ist etwas viel für die stärksten Nerven; schnell jedem eine Gabe und vorbei durch das Tor. Jch war in Gethsemane. Freundliche Blumenbeete dufteten. Rosen und Passionsblumen schienen uns zum Nähertreten einzuladen. Ein freundlicher Mönch, der diesen Garten pflegt, bricht einen kleinen Ast von einem der sieben uralten Oelbäume, die so alt und hinfällig sind, daß sie teilweise von einer Steinmauer am Fuße getragen werden, um jedem der Amerikaner ein paar Blätter mitzugeben.

Ich will nicht versuchen, den Eindruck und die Gefühle, die sich beim Betreten des Gartens dem Besucher aufdrängen, zu schildern. Und doch, wie oft ist er, der nachher nach Golgatha geführt wurde, hier vorbei nach Bethanien und Jericho gegangen. Hier hat Judas ihn verraten, hier die Schar ihn gefangen genommen. Dort, wo die Grotto erbaut ist, ging er hin und betete. Gerne scheint der Besucher hier etwas mit seinen Gedanken allein zu sein. Aus dem Garten austretend, ging es steil den Oelberg hinauf. Während rechts unzählige Gräber den Abhang bedeckten, waren links, obzwar sehr gelichtet, doch noch einige Oelbäume. Oben angekommen, ist das erste, was sich dem Auge bietet, eine großartige Aussicht rings herum, dann Verschiedene Gebäulichkeiten. Die Himmelfahrts Kapelle, die angeblich an dem Ort gebaut ist, wo Christus auffuhr, hat ein wunderbares Echo. Der Ton eines gesungenen Liedes scheint sich zu entfernen und wieder zurückzukommen. In der Nähe ist ein großartiges Mausoleum mit weiten Säulenhallen. Hier soll der Heiland seine Jünger beten gelehrt haben. Das Vaterunser in einunddreißig verschiedenen Sprachen begrüßt hier den Eintretenden in seiner eigenen Sprache. Verschiedene andere Gebäude, darunter die russische Kirche, sind sehr interessant. Vom Turm der letzteren hatte ich eine Aussicht, die nicht leicht verwischen wird. Wie eine große ausgebreitete Karte lag die heilige Stadt vor mir mit ihren engen Straßen, gelblich aussehenden Sandsteinhäusern, mit der 35 Fuß hohen, die ganze Stadt umgebenden Mauer. Dort ist die Omar Moschee, wo einst der Tempel Salomos stand. Der Turm der Grabeskirche ragt über die andern Gebäude. Auf den Wällen der Festung patrouillieren türkische Soldaten, und lustig flattert der Halbmond im Winde. Auf dem Berge Zion sieht man die sogenannte David Moschee. Am Abhange des Berges sehen wir Gethsemane, unten den Bach Kidron und dahinter steil erheben sich die Berge, auf denen die Stadt liegt. Blicken wir östlich. Die Gebirge Moab und Gilead scheinen nicht weit entfernt. Das Jordantal, dessen Lauf durch den dunklen Streifen Vegetation an seinen Ufern gekennzeichnet wird, sowie die Wasser des toten Meeres, obzwar 15 Meilen entfernt, scheinen ganz in der Nähe zu sein, so rein und klar ist die Atmosphäre. Westlich ist das Tal Ephraim, südöstlich ist die Straße, die nach Jericho führt, sowie ein Teil Von Bethanien. Nicht weit ist die Bethphage-Kapelle. Wir steigen herab vom Turm, streifen den Oelberg nach verschieden Richtungen durch. Wir wissen und fühlen, wir befinden uns auf geschichtlichem Grund und Boden. Kein „hier soll dies und das passiert sein“ ist notwendig; man ist hier überall sicher, den Fußstapfen des Heilandes zu begegnen. Der Verstorbene G. Ninck sagt in seinem Werk: „Auf biblischen Pfaden“:

„Soll ich den Gesamteindruck wiedergeben, den die bewegte Seele des Pilgers auf der Höhe des Oelbergs beim Blick auf Jerusalem empfängt, so weiß ich nichts Besseres zu tun, als Dalton es ausgesprochen hat: „Wie man einst glaubte, daß der letzte Eindruck, den ein Sterbender Von der Außenwelt empfängt, auf dem Sehfelde des Auges wie ein Lichtbild haften bliebe, so hat Jerusalem die Tränen Jesu und das unbeschreibliche Wehgefühl in seinem Angesicht, als er zum letzten Male die Stadt ansah, im Spiegel aufgefangen und festgehalten bis auf den heutigen Tag.“

National Costume. Left:Arab; Right: Bedouin

„Solche Augenblicke, wie wir sie auf dem Oelberg verlebten“, sagt Ninck, „waren in Wirklichkeit allein eine ganze Reise nach Palästina wert.“

Wir bestiegen wieder den Wagen und unser Kutscher, der beim Hinauffahren trotz unseres Protestes durch den Dolmetscher, unbarmherzig auf die Zugtiere einhieb, nahm auch wieder seine Peitsche, als ob er uns zeigen wollte, daß er sich von uns keine Vorschriften machen ließe, nnd hieb auch wieder auf die Tiere ein. ging in halslbrecherischen Tempo bergab und bald waren wir vor unserem Hotel gelandet. Wie üblich erwartete der Kutscher ein Trinkgeld. Einer der Kameraden nahm ein Fünffrankstück und hielt es ihm hin, und als der Kutscher es nehmen wollte, zog er es schnell zurück mit den Worten: „Hättest du nicht die armen Tiere so geschlagen, so hätte ich es dir gegeben, jetzt aber bekommst du nichts“. Desgleichen sagten wir alle. Er machte ein sehr verdutztes Gesicht, sagte etwas in arabisch, das wir glücklicherweise nicht verstanden, und entfernte sich.

Es war acht Uhr morgens. Das Leben und Treiben auf den Straßen Jerusalems war wieder ein reges. Lange Karawanen von Kamelen kamen von der Bethlehem Straße, mit Gemüse beladen, herein, andere zogen mit allen möglichen Gütern beladen hinaus. Unsere Fuhrwerke kamen und bald waren wir selbst karawanenartig auf dem Wege nach Jericho. Vom Jaffator ging’s längs der Mauer bis zum Damaskustor, hinab ins Kidrontal, und bei Gethsemane vorbei.

Jericho.

Hier lag wieder eine Anzahl Aussätziger, ihr bekanntes jämmerliches Backschisch rufend. Am Fuße des Oelberges liegt Bethanien. Dies ist ein kleines, recht ärmlich aussehendes Dorf, aber es ist groß in der Geschichte. Friedlich liegt es am Fuße des Oelberges und es scheint mir ein recht geeigneter Ort, um, wie Jesus einst tat, von dem Lärm und Gewirr des nahen Jerusalems ermüdet, ein wenig auszuruhen. Einer nach dem anderen stiegen wir hinab zum Grabe Lazarus’. „Lazarus, komm heraus“, erscholl es hier einst. Fast wähnt der Besucher jetzt noch das Echo dieses Rufes zu vernehmen. In der Nähe ist eine russische Kirche an dem Orte erbaut, wo Martha dem Herrn begegnete, als sie sagte: „Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ Nun ging es ziemlich steil bergab. Wilde Blumen blühten überall zwischen Steinen und an den Felsenabhängen. Ziegen und Schafherden weideten auf den Höhen und Abhängen, die Schäfer spielten ihre eintönigen Weisen auf der Rohrflöte, den langen Schäferstab in der Hand, ein recht biblisches Bild. Beim sogenannten Apostelbrunnen, einer Quelle, vorbei, ging es in die Wüste Juda hinein. Eine Anzahl (vielleicht 50 an der Zahl) russischer Pilger zu Fuß begegnete uns. Sie kamen von dem Jordan, wo sie die Taufe und andere heilige Zeremonien verrichtet hatten. Greise und Greisinnen, auch Kinder, alle machten die beschwerliche Reise zu Fuß. Wilder und öder wurde die Gegend, kein Haus oder Dorf in Sicht, fast keine Vegetation, ungeheure Schluchten, kahle zerklüftete Felsen säumten den Weg ein. Vereinzelte Beduinen zu Fuß, eine alte, mordsmäßig aussehende Flinte auf der Schulter, lange Dolche und Messer im Gürtel, andere wieder schwer beladene Esel und Kamele treibend, in langen Karawanen, alle bewaffnet und uns mit düsteren, unheimlichen Blicken messend, begegneten wir. Ungefähr auf halbem Wege ist ein von Steinmauern umgebener Hof, „Einkehr zum barmherzigen Samariter“ genannt. Hier machten wir kurz Rast, die Pferde wurden getränkt. Auf einem Berge in der Nähe sind die Ruinen einer alten Burg aus der Zeit der Kreuzfahrer. Eine Herde Beduinen, so wild und phantastisch, wie ich sie zuvor noch nicht gesehen hatte, lagerte in der Nähe. Eben war ich im Begriff, eine photographische Aufnahme dieses Lagers aufzunehmen, als der Häuptling, meine Absicht erkennend, aufsprang und unter wilden Gebärden zu verstehen gab, daß er hiermit nicht einverstanden sei. Nachdem wir wieder aufgebrochen waren, ging es wieder bergab. Die Straße ist mit vieler Mühe und vielen Kosten hergestellt und ist in guter Verfassung.

Obzwar es oft an steilen Abhängen vorbei führt, so ist doch, solange die Pferde nicht scheu werden, von dieser Seite wenig Gefahr. Da, auf dem Gipfel eines Berges angekommen, sehen wir tief unten das Jordantal und einen Teil des Toten Meeres, und nach einiger Zeit sahen wir links, tief unten in einer schauerlich tiefen Schlucht den Bach „Krith“, wovon es im 1. Kön. 17 heißt: „Und er (Elias) tat nach dem Wort des Herrn und ging hin und setzte sich am Bach Krith, der gegen den Jordan fließt. Und die Raben brachten ihm Brot und Fleisch.“ Ein Kloster steht hier am Bergesabhange. Nun fällt aber die Straße so steil ab, daß wir aussteigen müssen; vor uns, wie eine Karte ausgebreitet, liegen Jericho, der Jordan und das tote Meer. Schnell geht’s herab und bald sind wir unten im tiefsten Kessel der Erde, 1300 Fuß unter dem Meeresspiegel, während Jerusalem über 2000 Fuss über dem Meere liegt. Die Hitze, obzwar es im Februar war, war unerträglich, man sprach von 42 Grad Reamur.

Jericho, so wie es heute ist, besteht aus einer Anzahl elender Hütten, ausgenommen einiger für den Touristenverkehr eingerichteten Hotels. Auf schlechtem, von Unkraut umwucherten Wege ging’s westlich zur Elisasquelle. Diese sprudelt aus dem Boden in ein steinernes Becken, worin sich kleine Fische befinden. Die Tradition lautet, daß Elisa dies Wasser durch herelngeworfenes Salz trinkbar gemacht hat, nach 2. Kön. 2—21. In der Nähe wurden Ausgrabungen vorgenommen, und es ist außer allem Zweifel, daß hier einst eine Stadt war, und zwar sehr wahrscheinlich die, deren Mauern einst vor den Kindern Israels fielen. Nachdem wir im Hotel etwas ausgeruht und eine kräftige Mahlzeit verzehrt hatten, bestiegen wir wieder die Fuhrwerke, um nach dem Toten Meer, sowie zur Furt des Jordans zu gelangen. Wie ein glühender Ball stand die Sonne uber uns, sengend heiß sandte sie ihre Strahlen hinab in diesen Talkessel. Die Einwohner, die uns begegneten, schienen eine verkommene Rasse zu sein, das heiße ungesunde Klima soll einen entnervenden Einfluß auf den Menschen aus üben. Der Boden war meist mit dornigem Gesträuch überzogen; von duftenden Blumengärten und Palmenalleen, so wie ich mir dieselbe im Jordantale vorgestellt hatte, war keine Spur. Immer trostloser wurde die Gegend, das dornige Gesträuch stand nur noch vereinzelt und schien sich bald ganz zu verlieren. Kahle Sanddünen ringsum, eine sengende Hitze, und vor uns das Tote Meer, an dessen Ufern riesige weiße Totengebeine zu lagern schienen. (Es sind dies vom Jordan hereingeschwemmte Bäume, die von der salzigen Flut ans Ufer gespült werden und weiß mit Salz überzogen sind.) Das erste, das die meisten taten war, so rasch wie möglich sich zu entkleiden und ins Wasser zu stürzen. Aber was war denn das?

Homecoming Pilgrims in Prayer in Lebanon

Der Kopf ging unter, und die Beine steckten kerzengerade in die Höhe, es sah wirklich recht komisch aus. Hier galt es, „Kopf in die Höhe“, sobald man sich aber hinlegt, treibt der Körper wie ein Kork auf dem Wasser, es ist einfach unmöglich, ganz unterzusinken. Sobald wir aus dem Wasser kamen, sahen wir ganz weiß, wie eine getünchte Wand aus. Nachdem wir uns noch mit dem Wasser, das wir für diesen Zweck von Jericho mitgebracht, abgewaschen hatten, legten wir schnell wieder unsere Kleider an und bestiegen die Fuhrwerke. Es ging nun zur Furt des Jordans. Noch einen Blick wirft man zurück. Wie ein Schleier lagert die stark nach Pech und Schwefel riechende Ausdünstung über dem See, östlich das wildzerklüftete Gebirge Moabs, westlich die Wüste Judas. Wirklich ein trauriges Bild, und unwillkürlich zieht die Geschichte von Sodom und Gomorra an unserem geistigen Auge vorüber. Nach etwa zweistündiger Fahrt durch die Wüste kamen wir zur Furt des Jordans. Dies wird allgemein als die Stelle bezeichnet, wo die Kinder Jsraels einst ins gelobte Land einzogen, und wo Johannes taufte. Die Ufer sind hier an beiden Seiten sanft ansteigend, während etwas weiter hohe senkrechte Ufer den Fluß einsäumen. Vom Fuße des Hermon bis zur Ausmündung ins Tote Meer hat der Jordan 3000 Fuß Fall, darum fließt er auch so reißend schnell, und das Wasser ist infolgedessen sehr trübe. Einige Beduinen hatten Kähne bereit und für einen Piaster ruderten sie mich eine Strecke weit. Ein seltenes Vergnügen, eine Kahnfahrt auf dem Jordan. Zwei Stellen der heiligen Schrift, die ich vorher nicht recht verstehen konnte, wurden mir hier klar. Erstens war es mir immer unverständlich, wie Johannes der Täufer in der Wüste und zugleich am Wasser sein konnte. Obzwar die Ufer, soweit dieselben vom Wasser des Flusses durchnäßt wurden, mit Weiden und Gestrüpp bewachsen sind, so ist doch wenige Schritte vom Ufer eine öde Wüste. Weiter schien es mir fast unmöglich, daß Moses mit einem Blick das ganze gesegnete Land übersehen konnte. In 5. Mose 34, 1: „Und Mose ging von dem Gefilde der Moabiter aus den Berg Nebo, auf die Spitze des Gebirgs Pisga, gegen Jericho über, und der Herr zeigte ihm das ganze Land von Gilead bis Dan.“ Sieht man aber den Berg Nebo und die fast bis in die Wolken ragende Spitze des Pisga, gegen Jericho über, so sagt man sofort: „Ja, von dort aus kann man wirklich das ganze Land übersehen.“ So findet der Besucher des Heiligen Landes überall, wo er seine Schritte hinlenkt, eine Bestätigung davon, wie wahr die Schrift ist. Ich laß kürzlich von einem gelehrten Franzosen, der das Heilige Land in der ausgesprochenen Absicht bereiste, um dort Beweise gegen die Wahrheit der Bibel zu suchen. Eines Tages setzte er sich nicht weit von Jerusalem an Absaloms Grab nieder. Da kam ein Araberweib daher, bückte sich nach einem Stein und warf ihn nach dem Denkmal. Auch ihr Knabe mußte dasselbe tun. „Warum tut ihr das?“ fragte der Reisende erstaunt. „Weil dort ein schlechter Sohn begraben liegt, der seinem Vater ungehorsam war.“ „Wie heißt denn der Vater?“ „David!“ antwortete sie und schritt weiter. Das mohammedanische Weib hatte keine Bibel, konnte schwerlich lesen, aber durch lebendige Ueberlieferung war der Bericht von Absaloms Schuld bis zu ihr gedrungen, und nach fast dreitausend Jahren lehrte sie noch ihren Sohn, einen Stein auf das Grab des ungehorsame Konigs sohnes zu werfen. Diese Begebenheit soll einen tiefen, heilsa men Eindruck auf das zweifelsüchtige Herz jenes Reisenden gemacht haben. Derartige Ueberlieferungen und Bestätigungen findet man heute noch.

Während die Araber, die das Boot ruderten, gegen den Strom sich tüchtig hatten in die Riemen legen müssen, so ging es aber, sobald wir stromab fuhren, umso leichter. Pfeillschnell schoß das Boot aus dem reißenden Wasser dahin, und bald stiegen wir da aus, wo wir losgefahren waren.

Hier war auch der Bade- und Taufplatz für die russischen und griechischen Pilger. Die letzteren hüllten sich in ihre Sterbegewänder, ehe sie sich Hand in Hand, um nicht von der reißenden Strömung mitgerissen zu werden, in die Fluten des Jordans tauchen. Die meisten haben noch ein Bündel, die Totengewänder ihrer Freunde enthaltend, welche ihnen zum Untertauchen in den Jordan mitgegeben wurden.

Im Schatten einer knorrigen Weide legte ich mich etwas nieder. Die Nebel, die vom Toten Meere heranzogen, schienen Farbe anzunehmen und als Bilder längst vergangener Zeiten am geistigen Auge Vorüberzuziehen.

Dort von jepitze des Gebirgs Pisga, gegen Jericho über, und der Herr zeigte ihm das ganze Land von Gilead bis Dan.“ Sieht man aber den Berg Nebo und die fast bis in die Wolken ragende Spitze des Pisga, gegen Jericho über, so sagt man sofort: „Ja, von dort aus kann man wirklich das ganze Land übersehen.“ So findet der Besucher des Heiligen Landes überall, wo er seine Schritte hinlenkt, eine Bestätigung davon, wie wahr die Schrift ist. Ich laß kürzlich von einem gelehrten Franzosen, der das Heilige Land in der ausgesprochenen Absicht bereiste, um dort Beweise gegen die Wahrheit der Bibel zu suchen. Eines Tages setzte er sich nicht weit von Jerusalem an Absaloms Grab nieder. Da kam ein Araberweib daher, bückte sich nach einem Stein und warf ihn nach dem Denkmal. Auch ihr Knabe mußte dasselbe tun. „Warum tut ihr das?“ fragte der Reisende erstaunt. „Weil dort ein schlechter Sohn begraben liegt, der seinem Vater ungehorsam war.“ „Wie heißt denn der Vater?“ „David!“ antwortete sie und schritt weiter. Das mohammedanische Weib hatte keine Bibel, konnte schwerlich lesen, aber durch lebendige Ueberlieferung war der Bericht von Absaloms Schuld bis zu ihr gedrungen, und nach fast dreitausend Jahren lehrte sie noch ihren Sohn, einen Stein auf das Grab des ungehorsame Konigs sohnes zu werfen. Diese Begebenheit soll einen tiefen, heilsa men Eindruck auf das zweifelsüchtige Herz jenes Reisenden gemacht haben. Derartige Ueberlieferungen und Bestätigungen findet man heute noch.

Während die Araber, die das Boot ruderten, gegen den Strom sich tüchtig hatten in die Riemen legen müssen, so ging es aber, sobald wir stromab fuhren, umso leichter. Pfeillschnell schoß das Boot aus dem reißenden Wasser dahin, und bald stiegen wir da aus, wo wir losgefahren waren.

Hier war auch der Bade- und Taufplatz für die russischen und griechischen Pilger. Die letzteren hüllten sich in ihre Sterbegewänder, ehe sie sich Hand in Hand, um nicht von der reißenden Strömung mitgerissen zu werden, in die Fluten des Jordans tauchen. Die meisten haben noch ein Bündel, die Totengewänder ihrer Freunde enthaltend, welche ihnen zum Untertauchen in den Jordan mitgegeben wurden.

Im Schatten einer knorrigen Weide legte ich mich etwas nieder. Die Nebel, die vom Toten Meere heranzogen, schienen Farbe anzunehmen und als Bilder längst vergangener Zeiten am geistigen Auge Vorüberzuziehen.

Dort von jenen Bergen waren die Kinder Israel nach langer Knechtschaft in Aegypten, nach langer mühevoller Wüstenwanderung, hier an diesem Strome, den letzten Schritt, der sie noch vom gelobten Lande trennte, angekommen. Das Wasser teilt sich, trockenen Fußes gehen sie hindurch. Abermals teilt sich das Wasser, als Elisa mit dem Mantel des Elias, nachdem dieser hier gen Himmel fuhr, ins Wasser schlägt. Der Hauptmann Naeman wusch sich hier auf des Propheten Befehl und wurde rein vom Aussatz. Hier erscholl einst die Stimme eines Predigers in der Wüste. Aber die Krone von allem, hier wurde der getauft, Von dem die Stimme vom Himmel sprach: „Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe.“

Der Führer, oder richtiger gesagt Dragoman, wie man dort sagt, rief zum Ausbruch. Die Pferde waren wieder angespannt und nach wenigen Schritten waren wir aus dem Grün, das die Ufer des Jordans einsäumt, wieder in die trostlose Einöde der Wüste versetzt. Abends kamen wir in Jericho an. Eine Anzahl Kinder schien uns erwartet zu haben, und führen einen wilden einheimischen Tanz auf, der aber wenig Beifall fand, und das Backschisch, das sie dafür erwarteten, fiel infolgedessen nicht so reichlich aus. Ein wunderschöner Abend folgte. Ich habe noch nie die Sterne so schön und klar, so silbern funkeln sehen, wie an diesem Abend in Jerirho, in der tiefen Jordanebene. Wie leuchtende Kugeln im blauen Aether schwebten die Sterne, und weit, weit hinter denselben, scheint der Blick das unermeßliche Weltall zu durchdringen. Jch wagte mich, obzwar wir gewarnt wurden, uns nicht allein vom Hotel zu entfernen, doch ein wenig hinaus. Hier unter freiem Himmel lagerten lange Karawanen Kamele und die Treiber, phantastische Beduinen- und Arabergestalten, lagen auf nackter Erde, ohne Decken, blos ein Bündel unterm Kopf. Viele schon in sanftem Schlummer, andere noch plaudernd und gestikulierend. Da einige mir besondere Aufmerksamkeit zu schenken schienen, die zweifelhafter Natur war, so hielt ich mich denn auch nicht lange dort auf und ging wieder zurück zum Hotel. Am nächsten Morgen verließen wir Jericho. Sobald die Ebene durcheilt war, ging es steil bergauf, wir mußten eine Strecke zu Fuß klettern, die Pferde konnten kaum den leeren Wagen ziehen. Nun ging es immer mehr oder weniger bergauf ins Gebirge Juda. Bei der „Einkehr zum barmherzigen Samariter“ wurde wieder Halt gemacht. Zwei schneidige deutsche Offiziere in voller Waffenrüstung hielten hier Mittag; sie machten diese Reise ohne Begleitung, daher die Bewaffnung. Nachdem wir wieder losgefahren waren, sahen wir die Türme Jerusalems und nach einiger Zeit auch die Hütten Bethaniens.

Mein Blick erhebt sich zu den Höhen,
Kann ich dort wirklich Zion sehen?
Sag, Schäfer da am Bergessaum,
Ist’s nicht vielleicht ein leerer Traum?
Jerusalem kann´s nimmer sein,
Man sieht ja nicht des Goldes Schein.
Doch, doch, es ist die Heilige Stadt,
Die das Gericht betroffen hat.

Bethlehem.

Bethlehem war diesmal das Reiseziel. Die Wagen waren vorgefahren, und nachdem wir sie bestiegen, ging’s wieder hinaus durch die Oeffnung in der düsteren Mauer, dem Jaffa Tor. Durch das Tal „Gihon“ führte unser Weg, an verschiedenen Gärten und Farmanlagen vorüber; die Straße war sehr belebt. Landleute, die ihre Gartenerzeugnisse, meistens Kraut und Kohl, nach Jerusalem auf den Markt bringen wollen, kamen in Scharen, ihre Sachen meistens auf Esel geladen, während die Töchter Bethlehems, in hellfarbigen Kleidern, Körbe voll Gemüse auf dem Kopf hereinbrachten. Düstere Beduinen und Fellachen führten Kamele mit langen Baumstämmen und anderen Gütern beladen vorbei. Links, in anscheinend gutem Zustande erhalten, sehen wir die Teiche Salomos. Von hier aus wurde zu Salomos Zeiten die Stadt Jerusalem mit Wasser versorgt. Nach einiger Zeit kamen wir zum Grabe Rahels. Dieser Ort wird von Christen und Mohammedanern sowie von Juden in Ehren gehalten, und es herrscht kein Zweifel, daß dies den Schauplatz der Erzählung von Rahels Tod darstellt. Ein kleines weißes, mit einer Kuppel versehenes Gebäude ist darüber errichtet. Einen Feldweg weit von Bethlehem war Rahel, Jakobs Weib, gestorben, und Jakob richtete ein Mal auf über ihrem Grabe. Dasselbe ist das Grabmal Rahels bis auf den heutigen Tag (1 Mose 35, 20). Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen (Math. 2, 18). Welche Klagen und Jammern mag wohl hier gewesen sein, als Herodes alle kleinen Kinder zu Bethlehem töten ließ.

David Street in Jerusalem

Getreidefelder und Gemüsegürten wurden häufiger, die Landwirte schaften emsig auf den Feldern. Vor dem Pflug, wenn man einen hölzernen, krummen Haken so nennen darf, hatte der eine ein Kamel, der andere eine Kuh, der dritte einen Ochsen und Esel zusammen gespannt. Da ich doch neugierig war, wie so ein morgenländifcher Pflug arbeitete, erbat ich mir durch unseren Dragoman, von einem nahe am Wege arbeitenden Einheimischen die Erlaubnis, es einmal mit dem Pflügen versuchen zu dürfen. Nachdem er ein Backschisch erhalten, übergab mir der Eigentümer sein Gespann, einen Ochsen und einen Esel vor einem krummen Haken gespannt (wie es auf dem Bilde auf Seite 71 zu sehen ist.) Aber ich muß gestehen, daß es mir mit dem Gespann und Ackergerät nicht recht gelingen wollte, eine gute Arbeit zu verrichten, und so gab ich es denn auch bald auf. Die Landwirte haben einen langen Stecken mit einer scharfen eisernen Spitze. Dieser Stachel erinnerte mich unwillkürlich an die Worte, die der Apostel Paulus bei Damaskus hörte. „Es wird dir schwer werden, wider den Stachel zu löcken.“ Auf diesen Gefilden war es, wo die fromme Ruth Aehren las, wo David die Schafe seines Vaters hütete, und wo in stiller Nacht den Hirten auf dem Felde die frohe Botschaft gebracht wurde. Vor uns auf den Hügeln lag, anscheinend in tiefem Frieden, Bethlehem. Die Gärten an den Hügelseiten waren mit niedrigen Steinmauern umgeben. Der Kutscher hieb auf die Pferde ein, in vollem Trab ging’s durch die Straßen. Den Kindern und Erwachsenen, die sich herannahten, um zu betteln, wurde vom Kutscher in unbarmherziger Weise über die nackten Füße geknallt, so daß sie eilig davonstoben. Endlich hielten die Wagen. Eine neugierige Menge umstand uns. Händler kamen von allen Seiten herbei. Olivenholzwaren und verschiedene andere Sachen zum Verkauf anbietend. Auf engen, holperigen Straßen gingen wir zur Geburtskirche. Dies große, mehr einer Festung ähnliche Gebäude ist in drei Abteilungen geteilt und es gehört je eine Abteilung der Römisch-Katholischen, der Griechischen und der Armenischen Kirche. Es wurde im Jahre 330 nach Christi von Constantin über die Grotte oder dem Stall, wo, der Ueberlieferung nach, der Heiland geboren wurde, erbaut. Da man annehmen kann, daß während der ersten 300 Jahre dieser Ort nicht vergessen wurde, und seitdem dies Gebäude darüber stand, so ist wohl sicher, daß dies der richtige Platz ist. Vier Reihen von soliden, aus einem Stück Marmor gehauenen mächtigen Säulen befinden sich darin. Einige Stufen führen hinab in die Höhle oder Stall. Diese ist ungefähr 10 bis 80 Fuß und ist seitdem mit italienischem Marmor ausgelegt. Kostbare Lampen, Statuen Vvn Heiligen usw. schmücken dieselbe. Ein silberner Stern im Fußboden eingelegt, bezeichnet die Stelle der Geburt unseres Heilandes, und um den Stern stehen die Wort: „Hic de Virgine Maria Jesus Christus Notes est“. Ueber diesem Platz brennen beständig 16 silberne Lampen. 6 gehören den Griechen und je 5 den Römern und Armeniern. An der anderen Seite ist der Ort, wo die hölzerne Krippe, die sich jetzt in Rom befindet, gefunden wurde. Unter anderem wurde der sogenannte Altar der Unschuldigen gezeigt. Es wird behauptet, daß dort tausende Von Kindern, die Herodes binschlachten ließ, begraben sind.

Nachdem noch ein Rundgang durch die ungefähr achttausend Einwohner zählende Stadt gemacht war, machten wir uns wieder auf die Rückreise. Etwas abseits vom Wege ist der sogenannte Davids-Brunnen. Darüber heißt es in der Schrift „Da die Philister Bethlehem besetzt hatten, und David und seine Leute in der Höhle von Adullam waren, sprach der König: „Wer will mir zu trinken geben des Wassers aus dem Brunnen unter dem Tor?“ Da liefen drei der Vornehmsten, die mit David waren, in der Philister Lager und schöpften das Wasser aus dem Brunnen zu Bethlehem unter dem Tor. Der König aber wollte es nicht trinken, sondern goß es dem Herrn und sprach: „Das lasse ferne von mir sein, daß ich das Blut dieser Männer trinke, denn sie haben es mit ihres Lebens Gefahr hergebracht.“

Da Bethlehem so eng mit der Geschichte alten und neuen Testaments verknüpft ist, so ist ein Besuch desselben sehr interessant und lehrreich, und der Besucher sagt sich, nachdem er wieder die Feigen,- Oliven- und Gemüsegärten, die die Stadt umgeben, hinter sich hat: „Du, Bethlehem Ephrata, bist mit nichten die kleinste unter den Städten in Juda.“

Wieder Jerusalem.

Die Stadt Jerusalem, so wie sie heute ist, bedeckt eine Fläche von 210 Acker. Die Mauer, die diesen Platz umgibt, ist bei 35 Fuß hoch und dementsprechend dick. Mit in die Mauer eingebaut sind 34 Türme oder Festungen. 8 Tore sind in der Mauer, und diese ist von großen bearbeiteten Sandsteinen erbaut. Die Bevölkerung wird auf ungefähr 75,000 geschätzt. Die niedrigste Durchschnittstemperatur ist im Februar 47 Fahrenheit, die höchste im August 76. Außerhalb der Mauer sind verschiedene Ansiedlungen oder Kolonien, wie man da sagt. Ausgrabungen bis zu einer Tiefe von über 100 Fuß haben Ueberreste der alten Stadt bloßgelegt, welches beweist, welche Masse von Schutt und Asche die Trümmer der alten Stadt stellenweise bedecken. Wir sollten heute einen Gang durch die Stadt machen. Vom Davidsturm, einer alten Festung, gingen wir die sogenannte Zionsstraße entlang; beim Zionstor angelangt, sind wir auf dem Gipfel des Berges Zion. Der König David eroberte diese Höhe einst im Sturm von den Jebusitern. Oestlich ist der Armenische Konvent und darinnen die JakobusKirche. Die Tradition sagt, daß hier der Apostel Jakobus mit dem Schwert getötet wurde.

In der Nähe sehen wir die Ueberreste der einstigen Aussätzigen-Kolonie. Eine Anzahl Fleischerläden, die „koscheres“ Fleisch verkaufen, befinden sich jetzt da. Aussätzige werden jetzt nicht mehr innerhalb der Mauern erlaubt. Diesen Elenden sind die Tore der Stadt verschlossen; von der Gesellschaft ausgeschlossen, treiben sie sich an den Landstraßen herum. Ein Glied nach dem andern fällt der heimtückischen Krankheit zum Opfer. Während einigen die Krankheit nicht das Gesicht entstellt, so ist andern wieder dasselbe von der Krankheit furchtbar mitgenommen. Die Krankheit findet sich gewöhnlich am Halse zuerst, und dies gibt der Stimme der Aussätzigen einen herzbrechenden Ton.

Die Bazars Jerusalems sind nicht so groß, noch so interessant wie die Von Damaskus. Der Kornmarkt ist interessant. Hier sieht man, wie das Maß vollgedrückt und geschüttelt wird, bis es überläuft. Es erinnert an die Schriftstellen, wo von einem „voll gedrückt, gerüttelt mid überflüssig Maß“ die Rede ist. Unter andern Sehenswürdigkeiten sahen mir die Kirche St. Anna. Diese wurde im sechsten Jahrhundert erbaut. Am Ende des Krimkrieges wurde dieselbe vom Sultan dem Kaiser Napoleon zum Geschenk gemacht. Es wird behauptet, daß hier die Jungfrau Maria geboren wurde. Der sogenannte Teich Bethesda ist hier in der Nähe. Die Straßen in dem mohammedanischen Viertel waren dreckig, die in dem jüdischen noch viel schlimmer. In Konstantinopel besorgen Hunde die Straßenreinigung, hier, da die Stadt auf Hügelrücken erbaut ist, wäscht der Regen die abfallenden Straßen rein, und bis zu der Zeit werden dieselben eben nicht gereinigt. Der Duft von Gebratenem und Gebackenem, das hier auf den Straßen zubereitet wurde, vermischt mit dein von verfaulten Gemüseüberresten, von dem Rauch der türkischen Wasserpfeifen usw. war eben nicht ein nach Pariser Parfüm düftender Geruch. Blinden mid Krüppeln, klein und groß, begegneten mir überall. „Backschisch“ rief es von allen Seiten und manchen Piaster kostet es, will man auch nur die notdürftig aussehenden befriedigen. Im besten Teile der Stadt liegt das Hotel „Fast“. Hier eintretend, hörte ich den Besitzer, einen ergrauten, aber noch rüstig aussehenden Mann, ein fließendes Deutsch sprechen. Auf die Frage, ob er ein Deutscher sei, antwortete er mit Ja und erzählte, daß er von Rusiland hergezogen sei und daß er einen Bruder in Amerika habe, „Wo wohnt er denn?“ fragte ich. „O, weit im Norden Kanadas, in Saskatchewan,“ meinte er. Jetzt erst erinnerte ich mich, daß mir von Herrn Hermann Fast bei Rosthern ein Schreiben an seinen Bruder in Jerusalem mitgegeben wurde, welches ich über all dem Interessanten das ich sah, bald vergessen hatte abzuliefern. „Hier“, sagte ich, indem ich den Brief überreichte, „ist ein Lebenszeichen von Ihrem Bruder, und soll ich einen schönen Gruß bestellen.“ Keines Wortes mächtig, stand der gute Mann, nachdem er den Brief gelesen hatte, eine Weile da, endlich ergriff er mich bei der Hand und sagte: „Seien Sie willkommen im Heiligen Lande. Jungens, aber schnell eine Flasche vom besten her, hier ist jemand, der euch persönliche Grüße von Onkel Hermann aus Amerika bringt.“

Moria.

Zum Tempelplatz lenkten wir unsere Schritte. Derselbe ist von einer Mauer umgeben; sieben Tore bilden den Eingang. Der Platz ist bei 1000 Fuß breit und 1500 Fuß lang. Vor den Toren halten türkische Soldaten Wache, und, um hineinzugelangen, muß man seinen Paß vorzeigen und einen Soldaten als Führer mitnehmen. Zum Haupttor eintretend, hatten wir rechts die „El Aska“ Moschee und vor uns die „Omar“ Moschee, oder den jetzigen Tempel. Die Omar-Moschee ist ein achtseitiges Gebäude; jede Seite 68 Fuß lang. Mit seinem hohen Dom und malerischem Aeußern macht die Moschee einen großartigen Eindruck. In dem kleinen Pavillon vor dem Eingange zur Moschee mußten wir wieder unsere Schuhe ausziehen, oder die von willigen Dienern bereit gehaltenen Filzpantoffeln überziehen, was wieder ein Backschisch bedeutete. An einem alten, ehrwürdig aussehenden Moslem, der bescheiden seinen Fez hinhält, um etwas Klingendes darin aufzufangen, vorbei, traten wir ein. Dunkel, fast möchte man sagen feierlich, sieht das Inwendige aus. Zwei Reihen mächtiger Säulen stehen im Achteck herum und in der Mitte, um den großen Fels herum, sind zwölf Säulen korinthischen Stils, die den großen Dom tragen. DerseIbe ist 98 Fuß hoch und 75 im Durchmesser. Die Wände sind mit schöner Mosaik ausgelegt 36 schöne farbenreiche Fenster schmücken den Bau. Unter dem Dom in der Mitte des Gebäudes ist der sogenannte heilige Fels, ein unbearbeiteter, oben aber ziemlich ebener Felsen, 60 Fuß lang und 45 breit. Dieser Fels ist auf dem Gipfel des Berges Moria. Hier aus diesem Platze, wie die Juden behaupten, war es, wo Melchisedek opferte, wo Abraham seinen Sohn opfern wollte, usw. Die Mohammedaner fügen noch hinzu, daß von diesem Felsen Mohammed gen Himmel fuhr. Unter dem Felsen ist eine Höhle, und in derselben sollen David, Salomo und Mohammed gebetet haben. Ob dies nun alles so ist oder nicht, so viel ist sicher, wir sind auf dem Berge Moria, dem Ort, wo einst Salomos Tempel stand, wo einst Psalmisten schrieben und Patriarchen sangen. Hier sammelten sich die Stämme Israels, hier war der Mittelpunkt des religiösen Lebens des alten Bundes. Wir gedenken des Kindleins, das einst von seiner Mutter hierher gebracht wurde, sowie des zwölfjährigen Jünglings, der hier einst den Lehren der Weisen so aufmerksam zuhörte. Die Felsen verlassend, gelangten wir auf eine weite Fläche, wo liebliche Zypressen und Lorbeer standen, dazwischen grüne Rasenplätze. In der Mitte ist ein Marmorbassin, das aus den bei Bethlehem gelegenen Teichen Salomos gespeist wurde. Eben sank das Tagesgestirn unter am westlichen Horizont, da riefen feierlich die Ausrufer von den Minarets zum Gebet. Wie auf Kommando stellten sich einige hundert Anhänger des Propheten vor dem Tempel in Reih und Glied, fielen auf ihr Angesicht und standen wieder auf. Eben wollte ich eine photographische Aufnahme des Tempels machen, da kam ein Soldat, schob schnell den Apparat beiseite und sagte: „Warte, bis die da gebetet haben.“ Wir bestiegen die Stadtmauer, die hier wie eine Festung eingerichtet ist. Tief unten ist das Bett des Kidrons, und am Fuße des hinter demselben austeigenden Oelbergs ist Gethsemane. Man denkt zurück an die Zeit da Titus von dieser Seite die Stadt angriff. Seine Legionen standen bis am Fuße des Oelbergs. Die äußere Mauer wurde im Sturm genommen, aber die Juden verteidigten sich so hartnäckig, daß Titus von einem direkten Angriff absah, und indem er die Stadt belagerte, die Einfuhr von Lebensmitteln abschnitt. Bald wütete der Hunger und forderte mehr Menschenleben, als das Schwert der Römer. Stürmend drangen die Römer immer wieder vor, ein Stadtteil nach dem andern fiel. Der Tempel war auch noch von Verteidigern besetzt. Titus will dies herrliche Gebäude schonen, aber umsonst, denn es soll ja kein Stein auf dem andern bleiben; ein Feuerbrand wird gegen den Befehl des Feldherrn in den Tempel geworfen, ein Schrei des Entsetzens entringt sich den Lippen der Verteidiger. und im Nu steht der herrliche Tempel in Flammen. Ueber eine Million Menschenleben forderte die Einnahme Jerusalems damals, und wir alle wissen, welche Greuelszenen sich damals beir abspielten. Sowohl die Stadt wie der Tempel wurden bis auf den Grund geschleift. Die Ueberlebenden wurden in Gefangenschaft geführt, als Sklaven verkauft, oder in Rom in den Amphitheatern den wilden Tieren vorgeworfen.

„Ein Gang um die Mauern Jerusalems“, sagte einer meiner Begleiter an mir, „hat so etwas reizvolles in sich. Wenn Sie mitkommen, so wollen wir denselben ohne Führer machen.“ Gern war ich bereit, und so verließen wir die Stadt durch das Zionstor.

Good Samaritan Inn between Jericho and Jerusalem

Auf dem Bergrücken vor uns ist ein weites Totenfeld. Nicht nur hier, sondern um die ganze Stadt herum sind viele Friedhöfe, Millionen von Menschen sind hier herum in mörderischer Schlacht gefallen, und wenn auch nur ein kleiner Teil davon ein Grabdenkmal erhalten hat, so war dies doch genug, der ganzen Umgegend das Aussehen eines Friedhofs zu geben. „Auch Knochen liegen hier herum“, sagte ich, indem ich einen derselben aufhob. „Das sind die Gebeine von Menschen, vielleicht die eines Aussätzigen“, sagte mein Begleiter. Mit einem Gefühl des Grauens ließ ich denselben fallen. Ja wirklich, die Gebeine der Erschlagenen bleichen um die heilige Stadt herum in der Sonne; die Schrift ist auch hier erfüllt.

Wir kamen zum Grabe Davids, welches von den Mohammedanern sehr heilig gehalten wird. Ein klosterartiges Gebäude ist darüber errichtet. Die Schlucht des Hinomtales ist etwas weiter, sehr tief, ein schwindelnder Abgrund. In alter Zeit wurde hier dem „Moloch“ geopfert.

Wieder waren die Bergrücken vor uns mit den Gräbern wie besät. Die alten in Felsen gehauenen Gräber waren interessant. Das sogenannte Grab Absaloms ist durch einen viereckigen Steinbau über 30 Fuß hoch gekrönt, um denselben herum liegen Haufen kleiner Steine, da Viele Vorübergehende einen Stein nach dem Grabe dieses ungehorsamen Sohnes werfen. Ferner sind die sogenannten Gräber der Könige sehr interessant. Aus einer geräumigen, in Stein gehaltenen Vorhalle führen zahlreiche enge, ebenfalls in Stein gemeißelte Gänge zu den eigentlichen Gräbern. Einem dieser engen Gänge nachkriechend, sehe ich, wie das Skelett, einbalsamiert sind die Toten nicht, auf einer Felsplatte dalag. Die Geschichte von dem Besessenen, der sich in den Gräbern aufhielt, wird hier verständlich, denn Platz ist genug da. Etwas weiter auf einem Hügel unterhielten einige Kompagnien türkischer Soldaten ein Scheingefecht. Während die eine Hälfte den Hügelrücken besetzt hatte, versuchte die andere denselben im Sturm zu nehmen. Interessant ist es, solchem Kriegsspiel zuzuschauen. Die Angreifer, die im Laufschritt herankamen, einige Schüsse abfeuernd und dann weiter den Hügel hinaufstürmend, wurden von den Berteidigern mit einem Schnellfeuer empfangen, das im Ernstfalle eine mörderische Wirkung gehabt hätte. In der Nähe des Damaskustores ist der sogenannte Steinbruch Salomos. In diesem finsteren Labyrinth von unterirdischen Gängen könnte man sich verlieren, die angestellte Wache leuchtete uns mit Kerzenlicht voran, und so traten wir ein. Bis weit unter die Stadt erstreckt sich der ungeheure Steinbruch. Halb und halb bearbeitete kolossale Steine liegen herum, man sieht überall Spuren rühriger Arbeit. Hier sollen auch die Steine zum Tempel zubereitet worden sein.

Da es sehr heiß in diesen tiefen Gängen war, so verließen wir dieselben bald. Nicht weit entfernt ist die Jeremias Grotte. Die Tradition sagt, daß Jeremias hier seine Klagelieder schrieb. Die Ausgrabungen hier sind sehr interessant. Hier ist auch das Gartengrab sowie der schroffe, einem Schädel ähnliche Hügel, „Gordons Calvary“ genannt.

Endlich gelangten wir wieder beim Zionstor an, die Stadt war umgangen. Es wurde bekanntgemacht, daß diejenigen, welche noch eine Nacht in Jaffa sein möchten, und zudem noch sicher sein wollten, vor einem etwaigen Sturm aufs Schiff, das am nächsten Tage abfahren sollte, zu gelangen, mit dem nächsten Zug abfahren könnten. Die meisten entschlossen sich hierzu, die Stunde unseres Abschieds hatte geschlagen. Der Zug gab das Signal zur Abfahrt, noch einen letzten Blick auf die Stadt, die aber größtenteils von der grauen Mauer verdeckt wird. Wir biegen um einen Hügel, Jerusalem ist unseren Blicken entschwunden. In Jaffa machte ich die Bekanntschaft von mehreren Deutschen, die eben Vorbereitungen für den Empfang des deutschen Prinzen trafen.

Aegypten.

Die Einschiffung am nächsten Tage ging, obzwar etwas aufregend. So doch verhältnismäßig gut, und die freundlichen Räume unseres Schiffes nahmen uns wieder auf. Wir verließen die Gestade Kanaans, Aegypten war unser nächstes Siel. Die Ankerketten rasselten, die Schrauben setzten sich in Bewegung. Adje, Palästina, dein Jerusalem hienieden werde ich nie wiedersehen, aber dem himmlischen Jerusalem, wo kein Scheiben mehr sein wird, dorthin zu gelangen, das soll hinfort mein allergrößtes Bestreben sein.

Acht Uhr morgens lief die „Arabic“ im Hafen von Alexandrien ein. Ein azurblauer Himmel wölbte sich über dem tiefblauen See. Kein Lüftchen regte sich, aber dafür war der Lärm und das Geräusch am Ufer um so deutlicher vernehmbar. Die kleinen Boote brachten uns ans Ufer, Obzwar wir uns an den Lärm und Geschrei schon etwas gewöhnt hatten, so schien es hier noch wieder viel Neues zu geben, die Mannigfaltigkeit des Orients ist eben unerschöpflich. Ein Extrazug stand schon bereit, und nicht lange, so waren wir in voller Fahrt in südlicher Richtung. Bald hatten wir eine ziemlich große Stadt hinter uns und an beiden Seiten eine weite Ebene, üppiges grünes Getreide überall, unterbrochen von Palmengärten, Fellachendörfern aus Lehmhütten mit Schilf gedeckt und fensterlos. Kinder im Adams Kostüm tummelten sich im Freien, Erwachsene, fast nackend, waren eifrig mit dem Bewässern ihres Ackers beschäftigt. „Aber was ist denn das,“ sagte jemand, „hier fährt man ja mit Segeln auf den Weizenseldern.“ Und es sah in der Tat so aus, aber bald sahen wir des Rätsels Lösung. Die kleinen Segelboote bewegten sich in den engen, mitten durch die Weizenfelder sich hinziehenden Kanälen, die das Wasser aus dem Nil zu Bewässerungszwecken nahmen, und da das üppige Getreide die Kanäle verdeckte, so schien es wirklich, als ob die Segler auf dem Getreide gondelten.

Bei jeder Station wurden uns die Früchte des Landes, Datteln, Feigen, ja sogar Zuckerrohr usw. zum Verkauf angeboten.

Kleine Kinder lallten, vielleicht das erste Wort das sie sprechen konnten, „Backschisch“, alte gekrümmte Greise baten um Backschisch, und alle Altersunterschiede zwischen den beiden taten ein gleiches.

Kairo.

„Die Pyramiden in Sicht,“ ruft jemand. O, wie das wirkte. Ja, wirklich, da waren sie, vielleicht noch zwanzig Meilen entfernt, aber jetzt schon sieht man die Großartigkeit derselben. Viel höher und schlanker als auf Bildern sehen dieselben in Wirklichkeit aus. In der Nähe der Hauptstadt wurden die Straßen neben der Bahn lebendiger. Lange Karawanen von Kamelen mit allen möglichen Geräten und dem Treiber obenauf, kommen schaukelnden Ganges, so wackelig, daß dem Beobachter die leibhaftige Seekrankheit anzuwandeln scheint, verfolgt er dieselben einige Zeit mit seinen Blicken, vorbei. Als wir uns Kairo näherten, wurde das Tal enger, und die Grenzen der Wüste, die Berge, wurden an beiden Seiten sichtbar. Nach vierstündiger Fahrt langte der Zug in der Hauptstadt an. Kutschen mit reich uniformierter Bedienung standen bereit, um uns zu den Hotels zu bringen. Ich erhielt mein Zimmer im Gizehar Palast Hotel. Ich.hatte nicht erwartet, solch moderne, großartige Hotels in Aegypten zu finden. Und die Anlagen um dieselben herum! O, diese Blumen- und Pflanzenpracht! Das Auge des Nordländers kann sich nicht sattsehen an dem großen Treibhaufe der Natur, an dem der blaue Himmel das Dach und die Sonne die Heizung bildet. Die Kaktus- und Aloegruppen, die mächtigen Dattelpalmen, die bengalischen Feigenbäume, das düstere Bambusdickicht, die duftenden Nilakazien und viele hundert andere Blumen, riesige Blattgewächse und Bäume. Unbekannte Vögel schwirrten durch die Luft und sangen in den Baumzweigen.

Street in Jerusalem

Langsam wälzt der mächtige Nil seine Fluten hindurch, und die dreieckigen weißen Segel auf demselben scheinen einer Herde weißer Schwäne zu gleichen. In den schattigen Lauben vor dem Hotel wurde von Kellnern in reich dekorierten arabischen Kostümen Tee serviert. Die Sonne sank allmählich herab und verschwand endlich am westlichen Horizonte, und nun sehe ich das, wovon ich schon so oft gehört hatte, das herrliche Abendrot. Gelbrot, wie mit feuriger Glut übergossen. färbte sich der Himmel dort, wo das Tagesgestirn gesunken war, aber nur für sehr kurze Zeit währte dies, dann verblieb es, und völlige Nacht herrschte.

Die erste Nacht, die ich in Aegypten verlebt hatte, war vorüber. Kein Würgengel wie einstens hatte die Ruhe unterbrochen und ein freundlicher Morgen lachte. Von den hunderten Minarets riefen feierlich die Ausrufer zum Gebet, welchem Rufe die Gläubigen sofort Foge leisteten. Bald standen Fuhrwerke bereit, und nachdem wir dieselben bestiegen, ging’s zu den Gräbern der Khediven und dann zu der Zitadelle, die hoch oben auf einem Hügel erbaut ist. Hier erbaute Mohammed Ali eine großartige Moschee, die Alabaster Moschee genannt, weil viel orientalischer Alabaster bei ihrem Bau verwendet wurde. Von hier oben aber hat man eine wunderschöne Aussicht. Davor, oder unter uns liegt das Häusermeer von Kairo mit seinen Kuppeln und Minarets; die Gärten und Palmenalleen, die grünen Wiesen und Felder in dem Niltal, durch welches der Nil, einem silbernen Faden gleich, sich windet. Die an den Ufern erbauten Windmühlen, dann am Saum der Wüste die Denkmäler, die Pyramiden, ein unvergeßliches Bild. Ich will nicht versuchen, alle die Sehenswürdigkeiten, die Kairo bietet, aufzuzählen, das würde ein ganzes Buch ausmachen, aber einiges, sowie das Museum der Altertümer usw. will ich doch erwähnen. Hier sieht man Aegypten von der Zeit, als die Kinder Israels hier Frondienste leisten mußten, bis zur Gegenwart. Von den hundert einbalsamierten Mumien, die dort im Museum aufbewahrt werden, war eine besonders wichtig. Es war die des Ramses des Zweiten. Dieser Pharao war es, der einst das Volk Israel knechtete. Graurote Haare, langer Hals, niedrige Stirn, scharfes Kinn und einen entschlossenen Ausdruck in seinen Zügen, so liegt dieser einst mächtige Herrscher da. Die Waffen, Ackergeräte usw. bis über 4000 Jahre zurück, sieht man dort. Am nächsten Morgen machten mir einen Gang zu Fuß durch die Stadt und zu den Bazars. Diese scheinen noch die von Damaskus zu übertreffen. Hier war wieder ein Handeln und Schachern, das man sehen und hören muß um einen Begriff davon zu haben. Viermal soviel als die Ware wert ist, wird gewöhnlich gefordert. „Beim Bart des Propheten, beim Leben meines Kindes; ich kann’s nicht billiger lassen“, ruft der Verkäufer. Bald aber beginnt er, den Preis so um die Hälfte zu reduzieren. Will man dann noch nicht, so ruft der Händler entrüstet, „Nehmt es umsonst, wenn ihr wollt. Ich werde es euch schenken.“ Bietet man jetzt die Hälfte des von ihm schon einmal geteilten Preises und geht fort, so kommt er nachgelaufen mit der betreffenden Ware, und sagt mit einen Lächeln, daß der Handel abgeschlossen sei. Nach dem Mittagessen machten wir einen Ausflug nach den Phramiden. Auf einer sehr belebten Straße, die an beiden Seiten von riesigen Bäumen eingesäumt ist, gelangen wir nach den Pyramiden.

Die Großartigkeit derselben übertraf meine kühnsten Erwartungen. Mit dem Vorsatz, dieselbe zu erklimmen, war ich hergekommen, aber als ich die 450 Fuß hinaufschaute, da entfiel mir der Mut und kleinlaut sagte ich: „So gerne ich dort oben wäre, so denke ich doch nicht, daß ich dazu hergekommen bin, mir das Genick zu brechen.“ Meine Begleiter sagten fast alle dasselbe. Nachdem wir aber einige Zeit dort waren, und die Sphinx sowie die daneben liegenden Tempelruinen besucht hatten, bekamen wir wieder mehr Mut und endlich entschloß ich mich, einen Versuch zu machen. Mit der Hilfe von drei phantastisch gekleideten Arabern, einen an jeder Hand und einen zum Nachhelfen, traten wir den gefährlichen Gang an. „Mista, nicht herabschauen, sonst Kopfweh bekommen“, sagte einer der Araber, und in der Tat wurde es mir etwas schwindelig, als ich nach einiger Zeit herabblickte. Einige hundert Fuß waren es schon, und so steil, daß man nichts von den Stufen sehen konnte. „Mifta nicht Angst haben, wir sind Führer hier, wir nicht fallen lassen, aber wir nehmen viel Backschisch, wieviel wollen Mista uns extra geben?“ Ich sagte, sie sollten mich jetzt in Ruh lassen mit ihrem Backschisch, ich würde schon, wenn ich glücklich herunterkäme, sie nicht vergessen. Höher und höher gingen wir, und an einer Stelle, wo ein Stein sich losgelöst hatte, machten mir Pause. Wir waren jetzt 400 Fuß hoch. O, diese Aussicht von hier aus! Aber sobald ich die steilen Seiten hinabschaute, wurde mir wieder etwas unheimlich zu Mute. Man denke sich eine Steinmauer, 400 Fuß hoch, die man auf der Außenseite auf einer zerfallenen Steintreppe emporklettert. Einmal ins Wanken geraten, wäre man unrettbar verloren. Wir machten den Abftieg. Der Araber, der beim Hinaufsteigen nachgeholfen hatte, nahm jetzt seinen Turban, und nachdem er das eine Ende um mich gebunden hatte, hielt er das andere fest, um mich bei einem etwaigen Ausgleiten vor einen Absturz zu bewahren.

Plowing near Bethlehem

Der Abstieg ging besser als ich erwartet hatte, obzwar die 400 Fuss Tiefe hier viel gefährlicher scheint als z. B. Die 1000 Fuß von der Spitze des Eiffelturmes in Paris. Plötzlich gab der Araber, der hinter mir ging, und mich am Seil, oder besser gesagt am Turban führte, einen klagenden Laut von sich. Die anderen schienen zu verstehen, was er wollte, indem sie sofort anhielten. „Amerikaner seien so schwer, haben zerrissen meinen Turban,“ sagte er, indem er denselben zeigte. „Müssen geben genug Backschisch, einen neuen zu kaufen,“ fuhr er fort. Ich wußte, daß dies nur eine klug berechnete Sache war, um Geld zu erpressen, und daß dieser Riß im Turban schon hunderte Male vorher zu demselben Zweck benutzt worden war; und da wir jetzt nicht mehr sehr hoch waren, so sagte ich ihnen, daß ich sie durchschaut hätte, und es wohl keinen neuen Turban geben würde, und so gaben sie sich denn auch zufrieden, und bald war ich glücklich unten gelandet. Da der geneigte Leser die Großartigkeit der Pyramiden der Beschreibung nach wenigstens kennt, so will ich nicht weiter darauf eingehen, aber sehen muß man diese 450 Fuß hohen Bauten der Vorzeit, um einen wirklichen Begriff ihrer kolossalen Größe zu bekommen.

„Alt Kairo“, das wir am nächsten Morgen besuchten, war ganz anders als der neue, mehr moderne Teil der Stadt. Auf Straßen, stellenweise so enge, daß wir nicht zwei Personen neben einander gehen konnten, sondern im Gänsemarsch uns bewegen mußten, ging es hin und her, und man gewinnt da einen Einblick in das Leben und Treiben der augenscheinlich mittellosen Bevölkerung dieses Stadtteils. Schmutzig, verwahrlost, diister und verschlossen sehen dieselben aus. Im jüdischen Viertel, das wir nachher besuchten, war es fast noch schlimmer, soweit Schmutz in Betracht kommt, und die Straßenhändler und Bettler waren noch zäher. Die älteste Moschee in Aegypten ist hier in der Nähe, und mit ihren 366 Säulen ist dieselbe für den Besucher sehr interessant. Von hier ging es nach dem jetzt in eine christliche Kirche umgewandelten Orte, wo der Tradition nach Joseph und Maria nach ihrer Flucht aus Palästina sich mit dem Jesuskinde aufhielten. Wir ruderten nach der Insel „Rodah“ im Nil. Welch ein anderes Leben herrschste hier! Herrliche Gartenanlagen, wo zwischen tropischen Bäumen, umgeben von duftenden Blumen, herrliche Villen und Paläste hervorlugten. Aber nicht dies allein war es, das uns hierher zog, sondern mehr der sogenannte „Nilometer“. Dies ist eine Vorrichtung, durch die seit mehr denn 1000 Jahren das Fallen und Steigen des Nils registriert wird. Das gewöhnliche Steigen des Nils beträgt 25 Fuß. Das Wohl und Wehe von ganz Aegypten hängt davon ab. Bleibt der Fluß so niedrig, daß er nicht iiber die Ufer steigt und das ganze Land überschwemmt, so gibt es, da fast kein Regen fällt, eine Mißernte. Steigt dagegen der Fluß hoch genug, so ist die Ernte gesichert, und so können die Leute dort drei Mal im Jahre Weizen ernten. Der Nil ist alles dort, ohne denselben wäre Aegypten, die einstige Kornkammer der Welt, eine öde Wüste.

Nachdem wir wieder dem neuen Teil der Stadt näher kamen, wurde der Verkehr und das Gewühl auf den Straßen größer, wechselnde Bilder im wahren Sinne des Wortes. Wasserverkäufer, der eine, eine wenig appetitlich aussehende Ziegenhaut voll Wasser auf dem Rücken, der andre, einen langhalfigen messingnen Krug auf dem Rücken und eine Anzahl Gläser im Gürtel, schrien aus Leibeskräften, ihren Trank anpreisend. Beduinenweiber mit nackenden Kindern auf dem Schultern drängten sich hindurch. Jüdische Händler, den Laden auf dem Rücken, waren fast nicht loszuwerden, sobald sie eines Fremden ansichtig wurden. Bettler an allen Ecken. 6 Uhr abends bestieg ich den Zug, um noch über 400 Meilen südlich dem Nil entlang nach Luxor, Karnak und Theben zu gelangen.

Morgens 9 Uhr hielt der Zug in Luxor. Wir waren so bei 400 Meilen südlich von Kairo. Die Gegend hier war der bei Kairo ähnlich, eine dunkelgrüne, fruchtbare Ebene zu beiden Seiten des Nils, nur der Baum und Pflanzenwuchs war noch mehr tropischer Natur. Die Tempelruinen in Luxor zeigen, welch ungeheure Pracht hier einst herrschte. Teilweise stehende Säulen und Obelisken von enormer Größe befinden sich dort.

Inschriften an den Wänden der Pylonen erzählen in Wort und Bild die Geschichte der alten Pharaonen. In Stein gemeißelt sehen Wir Schlachten, den König, wie er von seinem Wagen aus Pfeile auf die Feinde versendet, in Lebensgröße. Wie er im Triumphzuge zurückkehrt und dem Götzen „Ammon“ seine Dankopfer bringt.

Nachmittags ritten wir auf Eseln zu dem alten Karnak. Die Tempel dort galten zur Zeit des alten Aegypten als Wunder der Zeit. Die Zeit von Jahrtausenden hat hier vieles vernichtet und dennoch soll sich auf der ganzen Welt kein Gebäude befinden, das sich in dieser Hinsicht mit diesem Tempel messen kann. Nur der, der mit eigenen Augen diese riesigen Bauten sieht, sich tagelang darin aufhält, kann sich eine blasses Idee von dem Glanz und der Pracht, die einst hier herrschte, bilden. Den Eingang bilden eine lange Reihe aus Stein gemeißelte Löwen, eintausend an der Zahl, wie mir gesagt wurde, in Lebensgröße. Dann die massiven, bei 10 Fuß im Durchmesser und vielleicht 75 Fuß hohen Säulen, alles glatt poliert und mit Bildern und Inschriften versehen. An den Wänden Bilder in Lebensgröße. Eines davon gehört zu den merkwürdigsten des Landes und zeigt, daß schon zur Zeit Setis des Ersten eine Art Suezkanal, oder ein Wassergraben, welcher Afrika von Asien trennte, existierte. Bädeker beschreibt es wie folgt (unser Führer erklärte es auch so): Das Bild zeigt den König auf der Rückkehr nach der Heimat. Die edlen Rosse des Königs tänzeln vor dem Wagen hin, der nichts trägt als den Pharao und die Köpfe gefällter Feind. In der linken hält der König den Bogen, in der Rechten ruht das Siegesschwert, die Geißel und eine Anzahl von Stricken, an denen gebundene Feinde befestigt sind. Drei von diesen zieht er nach sich, drei Reihen von an den Hälsen zusammengebundenen Asiaten gehen vor den Rossen her. Die Bastionen mit Zisternen, welche der Zug zu passieren hat, finden sich in der eigentümlichen Projektionsweise der Aegypter am Boden des Bildes dargestellt. Den Zug der Heimgekehrten trennt von ihrem ägyptischen Vaterlande ein von Krokodilen erfüllter Kanal. Am jenseitigen Ufer zeigt das Bild, in zwei Gruppen geordnet, oben die Priester und Großen, welche dem Pharao mit eigentümlichen Blumensträußen in tiefer Neigung erwarten, unten die Frauen, welche den Heimkehrenden mit hochgehobenen Händen begrüßen. Die Inschrift sagt: „Die Priester und Großen von Aegyptenland nahen, um zu bewillkommen den guten Gott (den König) bei seiner Heimkehr aus dem syrischen Lande mit Beute von ungeheurer Größe. Niemals ist dergleichen gesehen worden, seit der Zeit des Ra.“

Die Bastionen am Wege sind dieselben, welche die ausziehenden Juden zwangen, bei Etam umzuwenden und sich nach Süden zum Roten Meere hinzuwenden. Der mit Jubel empfangene König ist der Ahne jenes Pharao, dessen Roße und Wagen nach dem biblischen Berichte von den Wogen des Schilfmeeres verschlungen wurden. Aehnliche Bilder und Inschriften befinden sich überall, kein Fußbreit Mauer, keine Säule ist ohne Inschrift.

Die Gelehrten und Baumeister unserer Zeit, und wir hatten solche dort in unserer Gesellschaft, sind sprachlos vor Staunen, wenn sie diese Wunderbauten, diese stummen Zeugen vom Tun und Wirken ihrer Kollegen aus alter Zeit bewundern.

Die Stunde unseres Abschiedes von Aegypten hatte geschlagen. Als ob es noch den schönen Eindruck, den die rauschenden Palmalleen, die im üppigsten Grün wogenden Getreidefelder, die der mächtige Nil mit seinen vielen Kanälen, einem silbernen Netze gleich, zu halten schien, in uns verwischen wollte, erhob sich ein furchtbarer Sandsturm in der Wüste. Dick wirbelte der heiße Sand bis auf die Straßen von Kairo, und, als wir in Alexandrien anlangten, war es, infolge des hohen Seegangs, unmöglich auf unser Schiff, das eine Strecke vom Ufer vor Anker lag, zu gelangen. Nachdem wir drei Stunden gewartet hatten, schien sich der Sturm etwas zu legen, und nach einer kurzen, aufregenden Fahrt auf dem kleinen Booten gelangten wir aufs Schiff. Das Schiff auf dem sich Frau Roosevelt befand, die hier ihren Gatten, den heimkehrenden „Nimrod“ begrüßen wollte, und das hier des Sturmes wegen schon den ganzen Tag vor Anker gelegen hatte, schielte sich auch an, dies Einfahrt in den Hafen zu wagen.

Sizilien und Neapel.

Abends hatten wir einen gediegenen lehrreichen Vortrag über Sizilien, unser nüchstes Reiseziel.

Durch die Straße von Messina ging es Palermo zu, wo wir 9 Uhr morgens anlangten.

Die Stadt sieht schön aus von dem Meere aus gesehen; die breiten, weißen, im Zickzack hinaufführenden Steintreppen, die massiven, aus weißen Stein ausgeführten Gebäude der Stadt mit den grünen Hügeln im Hintergrunde sind äußerst malerisch. Sobald ich gelandet war, sah ich, daß wir uns wieder in einem mehr zivilisierten Teile des Erdbodens befanden. Die Leute gehen wieder in gewohnter Kleidung, alles sieht heimischer aus. Der farbenreiche Orient liegt hinter uns, und wunderbar, dies bunte Treiben hat etwas Anheimelndes in sich, fast sehnt der Besucher sich zurück zu dem wogenden Allerlei auf den Straßen zu den feierlichen Gebräuchen der Nachfolger Mahommeds.

Streetscene in Jerusalem

Die Vegetation auf der Insel Sizilien ist üppig und schön. Myrte, Lorbeer und Zypressen rauschen, von der sanften Meeresbrise leicht bewegt; Blumen in Fülle überall. Ich war so eingenommen von der Schönheit der Gartenanlagen, durch welche unser Führer uns brachte, daß ich nicht darauf achtete, wohin er uns führte. Da, mit einem Schlage gab es ein jähes Erwachen. Wir waren in die Katakomben eingetreten. Ein schauerlicher Anblick bot sich uns dar. Oben an den Wänden hingen die Leichen in langen Reihen, darunter ebenso viele in sitzender Stellung, dann Särge und Haufen menschlicher Knochen. Was ist doch der Mensch, und wie ist er so vergänglich: diese Gedanken drängen sich unwillkürlich dem Besucher beim Anblick dieser nach Tausenden zählenden Menge Dahingeschiedener auf. Diese alle lebten und wirkten einst wie wir jetzt.

Abends verließen wir Palermo. Neapel war das nächste Ziel. Noch ehe wir des Häusermeeres ansichtig wurden, sahen wir den zweigipfligen Vesuv eine oft fast weiße, oft schwarze Rauchsäule emporsendend, aber doch schien es, als ob der mächtige Vulkan damals nur die Friedenspfeise rauchte, keine glühende Lava entströmte seinem Krater, friedlich hingen die zierlichen weißen Häuser, inmitten schöner Gärten, an seinen Abhängen.

Das Schiff ging in der schönen Bucht vor Anker. Kleine Boote, deren Insassen sich durch Spielen und Singen ein Trinkgeld verdienen wollten, empfingen uns. Unter den vielen Sehenswürdigkeiten, die Neapel bietet, sind besonders das Museum, die Kathedrale sowie das Aquarium zu erwähnen.

Rom.

Am Nachmittag bestieg ich den Zug, der uns nach Rom bringen sollte. Am Fuße des Vesuvs vorüber ging es durch fruchtbare Landschaften. Schöne Getreidefelder, endlose Maulbeerhecken und Orangenbäumen voll goldgelber Frucht wechselten ab mit den schönsten Blumen und Gemüsegärten. Die Arbeit auf den Feldern wurde meistens mit weißen Ochsen (die Ochsen in Italien schienen alle weiß zu sein) besorgt, aber doch wird auch noch oft menschliche Kraft, die dort sehr billig ist, anstatt die der Tiere verwendet. So z. B. sah ich wenigstens fünfzig weibliche Personen mit dem Umgraben eines ziemlich großen Landstücks beschäftigt, anstatt es zu pflügen. Die Landschaft wurde immer interessanter, während zur Linken die fruchtbare Ebene sich ausbreitete, erhob sich rechts das Gebirge, und auf hohen Bergrücken standen schöne alte Schlösser und düster aussehende Burgen.

Acht Uhr abends kamen die Lichter von Rom in Sicht. Ein amerikanischer Geistlicher, der mit mir in einem Coupe saß, wurde bei dem Anblick so hingerissen, daß er seine Gedanken in Worte kleidete. „Rom,“ rief er, „Rom, du Traum meiner Jugend, ist’s wahr, daß ich dich sehen soll? Jene Lichter dort, denen wir mit jeder Minute näherkommen, sind das wirklich die von Rom? Rom, du warst eine alte Stadt, als ein Paulus als Gefangener zu deinen Toren hereingeführt wurde, du bist es auch heute nur. Im Geist“ rief er, „sehe ich schon Nero, die Bestie in Menschengestalt, Tod und Schrecken in deinen Mauern verbreitend. Ich höre den Kampfesruf der Gladiatoren!“ Und während er so seinem Gedankenzug folgte, hatten wir Rom erreicht. Der Zug hielt, wir waren in der sogenannten Ewigen Stadt angelangt.

„In Rom gewesen und nicht den Papst gesehen,“ so lautet ein Sprichwort. Ich hatte mir vorgenommen, wenn möglich, denselben doch zu sehen, und hatte schon vorher mit einigen Priestern, die sich in unserer Gesellschaft befanden, und denen eine Audienz sicher war, Abmachungen deswegen und auch anderweitiger Vorkehrungen getroffen, gab aber doch gewisser Ursachen halber, in letzter Stunde den Plan auf.

„Dort hinter jenem Fenster befindet sich Seine Heiligkeit, und hier in diesem Garten promenierte er heute morgen“, so sagte man mir, als ich den Vatikan betreten hatte. Es war Sonntag. In der Peters Kirche, die einen Teil des Vatikans bildet, sollte ein besonderes Fest oder Gottesdienst gefeiert werden, und so entschloß ich mich, demselben beizuwohnen. Kardinäle und Erzbischöfe in kostbaren Gewändern leiteten die Andacht, anscheinend ergreifende Reden wurden gehalten. Nur schade, daß ich nichts davon verstehen konnte.

Nach der Andacht sah ich mir die Kirche etwas näher an. Der große Saal, worin ich dem Gottesdienst beigewohnt hatte, war eine Nische in diesem ungeheuren Labyrinth von Räumen. An verschiedenen Stellen in anderen Nischen, war ebenfalls Andacht. Das Innere der Kirche macht einen unvergeßlichen Eindruck. Ueber 700 Marmor- und Travertiussäulen sind darin aufgestelIt. Die prächtige Decke mit vergoldeten Kassetten ist von vornehmster Wirkung. Wände und Boden sind mit den kostbarsten Marmorarten belegt. Ein Rundgang durch die Räume des Vatikans, den wir am nächsten Tage in Begleitung von erfahrenen Führern machten, ist hochinteressant. Der Vatikan ist der größte Palast der Welt. Die Zahl der Höfe darin beläuft sich auf 22 und die Zahl der Zimmer und Sale auf Tausende.

Ich will nicht versuchen, die Großartigkeiten, die das Museum, die Gemäldegalerien usw. bieten, zu beschreiben, indem ich weiß, daß mir dies doch nicht gelingen würde. Man muß eben diese, von den besten Künstlern der Welt im Verlaufe von hunderten von Jahren verfertigten Kunstgemälde sehen, um einen Begriff davon zu haben. Eins nur will ich von den vielen, eine ganze Wand bedeckenden Gemälden erwähnen. Es ist „Das jüngste Gericht“. Der Künstler hat es verstanden, bildlich das Ereignis dem Auge vorzuführen, als ob es fast Wirklichkeit wäre. Tiefer Ernst spricht aus dem ganzen Gemälde, mit einer Ausnahme. Unser Führer erzählte darüber folgendes: Nachdem der Künstler dies Bild fertig hatte, hatte einer der Kardinäle etwas daran auszusetzen. Der Maler, darob entrüstet, malte das Gesicht des Betreffenden, einem von denen die im Feuer waren, und dazu mit Eselsohren. Der Papst fragte den Kardinal, der hierauf Beschwerde erhob: „Hat er Sie im Fegefeuer gezeichnet?“ „Nein, in der Hölle“, gab je ner zur Antwort. „Dort kann ich Ihnen nicht mehr hinaushelfen“, lautete die Antwort.

Pompeji.

Ein schöner Frühlingsmorgen. Lau wehte die Luft von der Bucht her, freundlicher Sonnenschein lagerte über dem Häusermeer Von Neapel. Tiefblau schien das Wasser im Hafen, friedlich nebeneinander schaukelten die Schiffe darauf, groß und klein. Neben dem düsteren Rumpf eines Kriegsschiffes, auf dessen Deck wie drohend die Geschützläufe sichtbar waren, huschten die weißen Segel der kleinen Schiffe vorbei. Selbst der grimmige Vesuv schien sich an diesem schönen ermachenden Tage zu freuen, nur eine dünne Dampfsäule sandte er, wie ein Dankopfer gen Himmel. Pompeji sollten wir heute sehen; erwartungsvoll entstieg ich dem Zuge, der uns dorthin brachte. Die alte Stadt Pompeji, begraben unter der Asche des Vesuvs im Jahre 79 nach unserer Zeitrechnung, dort, wo auf der Basis der oskischen sich die griechisch-römische Kultur aufbaut bietet uns in der Gesamtheit ihrer Denkmäler, ihrer Straßen und Wohnhäuser, genau den Anblick des Zeitpunktes ihrer Zerstörung.

Dieses Schauspiel, einzig in der ganzen Welt. welches dem Beschauer einen unvergeßlichen Eindruck hinterläßt, ist durch die besondere Eigenart der vulkanischen Auswurfsmaterien hervorgerufen, die dort mit einem Schlage alles Leben aus löschten und uns damit durch die Jahrhunderte die kostbaren Reliquien Pompejis übermachten. Die Straßen sind eng, auf beiden Seiten von Fußwegen besäumt, mit rechteckigen Stein- oder Lavaplatten gepflastert, und mit großen, in gewissen Zwischenrüumen in die Erde eingelassene Blöcken versehen, welche dem Passanten gestatten, im Fall heftiger Regengüsse, die Straße trockenen Fußes zu überschreiten. Die verschiedenen Tempel, sowie das Amphitheater, in welchem die Gladiatoren ihre grausamen Darstellungen darboten, sind interessant.

Die Privathäuser bestehen meistens aus einem viereckigen Raume, dem Vorhofe, auf welchen sich die Schlafzimmer öffneten; Säulengänge umschlossen die Gärten. Feine Freskomalereien, Statuetten und allerlei kleine Springbrunnen, Badeeinrichtungen waren zahlreich. Im Museum, wo die gefundenen Gegenstände aufbewahrt werden, sieht man viel Interessantes. Die einstigen Bewohner von Pompeji haben, wovon Beweise vorhanden sind, auf sehr niedriger sittlicher Stufe gestanden, und plötzlich hat sie das Verderben ereilt. Eine ernste Sprache ist es, die diese, einst von vielen tausenden von Menschen bevölkerte, mehr als tausend Jahre begrabene, aber jetzt mit viel Mühe und Arbeit freigelegte Stadt, zu uns redet. Und der mächtige Vesuv, der diese Zerstörung damals angerichtet, und der heute so ruhig ist, schöpft wahrscheinlich neue Kraft, um eines schönen Tages wieder mit all seiner furchtbaren Macht Feuer und glühende Lava hinauszuschleudern, und die zierlichen weißen Häuser und schönen Gärten, die sich überall befinden, zu vernichten.

By the Jordan River (with no hat)

Am Morgen des 17. verließ die „Arabic“ den Hafen von Neapel. Während unsere Kapelle die italienische Nationalhymne spielte, während die Insassen der kleinen Boote, die unser Schiff umringt hatten, schöne italienische Musik und Gesang lieferten, um noch in letzter Minute ein Trinkgeld dafür zu erhalten, hatten wir die Anker gelichtet, die Schrauben wirbelten, langsam verließen wir den Hafen. Die See war ruhig und das Wetter schön. Dort ist die Insel Elba, hieß es, wohin Napeleon 10 Monate verbannt war. Die Ereignisse, die den Fall Napoleons herbeiführten, wurden wachgerufen. Der russische Feldzug, der Brand von Moskau, der unglückliche Rückzug im Winter, die fast vollständige Vernichtung der grossen Armee durch Frost, Hunger und Schwert.

Monte Carlo.

Am Nachmittage des nächsten Tages gingen wir im Hafen von Villefranche vor Anker. Auf der berühmten Cornisch Straße ging es Nizza und Monte Carlo zu. Von den Bergeshöhen, über welche die Straße führt, hat man eine herrliche Aussicht. Da ist das Häusermeer Nizzas, hinter uns und vor uns, tief unten, auf drei Seiten von den Wassern des Mittelmeeres umsäumt, liegt Manard mit Monte Earlo. Mehr als zweitausend Fuß unter uns sahen wir unser Schiff nebst andern Fahrzeugen, klein wie Spielzeug erscheinend, auf den tiefblauen Wassern des Hafens schwimmen. Monte Carlo. Ich muß gestehen, daß mich eine gewisse Neugierde beschlich, als wir den herrlichen Park vor dein Kasino betraten.

Ich hatte schöne Gärten gesehen, aber dies übertraf doch alles. Und dann das Kasino; welch ein großartiger Bau! An zwei Wachen vorbei, die sorgfältig meinen Paß prüften, trat ich ein. War das Aeußere des Gebäudes schon schön, so war die Pracht, die das Innere bot, einfach Unübertrefflich. Die Gesellschaft, die an den Spieltischen saß, die sich hin und her bewegte, war eine glänzende. Gekrönte Häupter in Zivil, englische Lords, französische Grafen, deutsche Barone, russische Prinzen, amerikanische Millionäre, alle schienen vertreten zu sein. An einem der Tische, wo mit 5 Franken Einsatz der Anfang gemacht werden konnte, nahm ich Platz. Hatte doch ein Freund von mir mir diese mitgegeben, um für ihn hier sein Glück zu versuchen. Jch legte auf grün. Grün verlor. Fast schneller, als ich’s sagen kann, hatte der Beamte, der am Ende des langen Tisches saß, mit einem Rechen alles Geld das auf grün gesetzt war, darunter das unglückliche Fünffrankstück meines Freundes im fernen Amerika, eingescharrt, und denen, die auf rot gesetzt, ihren Gewinn hinausgescheben.

An anderen Tischen war der kleinste Einsatz 100 Franken. Es war interessant, zu sehen, wie die Goldhaufen un Nu gewonnen oder verloren wurden. Noch interessanter war es, die Gesichter der Spieler zu studieren. Man sieht auf den ersten Blick, ob der Spieler ein Neuling bei der Sache ist oder nicht. Da sitzt eine alte Dame in kostbaren Gewändern, mit Juwelen und Schmuck bedeckt, immer neue Haufen Gold holt sie aus ihrer Handtasche, immer verliert sie. Tausende hat sie in den letzten paar Minuten verloren, aber kein Muskel ihres Gesichts verrät, daß sie erregt ist; wie eine Marmorstatue sitzt sie da. Was wird das Ende davon sein, wenn es so mit ihr fortgeht? Eine andere sitzt da, man darf nicht nach dem Gelde sehen, das Gesicht sagt das schon zur Genüge. Beim Gewinn erhellen sich die Züge, beim Verlust gibt es ein langes, verdutzt aussehendes Gesicht. Eine andere weint bitterlich, hat vielleicht alles verloren. Ich hätte nicht gedacht, daß auch weibliche Personen so dem Glückspiel nachjagen. Ich muß doch einmal sehen, wieviel hier jetzt spielen, sagte ein Geistlicher unserer Gesellschaft zu mir, und nach einer Weile kehrte er zurück. 170 habe ich gezählt, sagte er, aber das sind sie noch nicht alle, und dann diese Masse von Männern, die da spielen, fuhr er fort, wahrlich, der Arge muß mit zufriedener Miene auf diesen Ort schauen. Der Friedhof dort, wo, wie gesagt wird 60 Opfer der Spielwut, die, nachdem sie alles verloren, Hand an sich selbst gelegt haben sollen, begraben liegen, sagt viel. Monte Carlo mit seinem schönen milden Klima, mit seinem großartigen Kasino, mit den märchenhast schönen Park und Gartenanlagen, unter Blumenduft und Palmenrauschen — einige haben hier ihr Glück gemacht; viele haben es hier verloren.

Heimfahrt.

In Nizza wurde uns von seiten der Schiffsgesellschaft die Gelegenheit gegeben, entweder mit der „Arabic“ die Seereise durch die Straße von Gibraltar nach Liverpool und von dort nach New York zu machen, oder, wer sich noch länger in Europa aufhalten wollte, der konnte hier die Gesellschaft verlassen und später mit irgendeinem Schiffe der „White Star Linie“ heimkehren. Mit noch zweien meiner Freunde verließ ich hier unser gutes Schiff und nachdem wir uns Nizza noch etwas bessser angesehen hatten, kauften wir uns Fahrkarten nach London. Ja, wenn wir in Amerika so billig reisen könnten! Für 140 Franken, $28.00 nach unserem Gelde, reisten wir vom Süden Frankreichs, durch Italien, den St. Gotthardt und die Schweiz, passierten die deutsche Grenze und über Paris noch London, dabei hatten wir noch das Recht, irgendwo abzusteigen.

Ich will mich jetzt kurz fassen, denn diese Strecke, obzwar recht interessant, ist schon mehr oder weniger bekannt. In Luzern, mitten in den Alpen, hielten wir uns einige Tage auf. Romantisch schön ist diese Gegend, und die Leute dort sind die zuvorkommendsten, gemütlichsten Menschen, die ich auf der ganzen Reise angetroffen habe. Nachdem wir die deutsche Grenze auf dem Wege nach Straßburg passiert hatten, kam ein vornehm aussehender Herr in unser Coupe. Auf meine Bemerkung, daß wir jetzt in Deutschland seien, erwiderte er: „Jawohl, der Karte nach sind die Herren in Deutschland, aber dem Herzen der Einwohner nach, in Frankreich.“ Und sobald er hörte, daß ich der englischen Sprache mächtig sei, konnte ich kein deutsches Wort mehr aus ihm herausbringen, indem er sich der englischen Sprache bediente. Er urteilte scharf über Kaiser und Reich und sagte, daß die Reichslande nur auf eine günstige Gelegenheit warteten, um von Deutschland loszukommen. In Straßburg fand ich anscheinend dieselbe Meinung vorherrschend.

Im Straßburger Münster hatte ich die Gelegenheit, die berühmte Uhr schlagen zu hören. Natürlich gingen mir zum Kaiserpalast und in Begleitung einer Wache machten wir einen Rundgang durch denselben. „Das ist der Stuhl, worauf Seine Majestät gewöhnlich sitzt“, sagte die Wache, auf einen Sessel deutend. „Darf ich mal Kaiser spielen und mich darauf setzen?“ fragte ich. „Nein, nein“, sagte er, „Sie sehen die Tafel dort: Nichts anrühren!“ Ein Trinkgeld aber tat wieder seine Dienste. Jch setzte mich auf Wilhelms Stuhl.

Von Straßburg ging’s nach Paris, wo wir uns eine Woche aufhielten. Von den vielen Sehenswürdigkeiten, die Paris bietet, ist besonders der Eiffelturm zu erwähnen; von dessen Spitze man eine herrliche Aussicht hat. Auch Versailles mit seinem Königsschloß, dem Heim Napoleons, ist sehenswert. Besonders eines der Schloßräume, worin König Wilhelm als Kaiser von Deutschland proklamiert wurde, ist historisch. Der vergoldete Wagen Napoleons samt dem kostbaren Geschirr dazu, geben noch Zeugnis von der Pracht, die einst hier herrschte. Napoleons Ruhm und Ehre aber ist dahin, seine aus der Verbannung überführten Gebeine ruhen in einem einfachen Graß nitsarge in den „Invalids“ in Paris.

In London, wo ich mich ebenfalls eine Woche aufhielt, sind besonders der „Tower“, die Westminster Abtei, die Parlaments Gebäude und der Buckingham Palast zu erwähnen.

Muß noch erwähnen, daß die Schiffskarte für die Rückreise Dampfer der „White Star“ Linie gültig war, also auch für die „Titanic“, die bald ihre Jungfernreise antreten sollte. Ich erinnere mich noch, wie schade es mir war, daß der große Dampfer, von dem die Welt sprach, noch nicht ganz fertig war. Der große Gott, der während der ganzen Reife seine schützende Hand so gnädiglich über mir gehalten hat, bewahrte mich auch da wieder.

Den Schluß dieser Reiseerinnerungen bildet ein noch einmal alles kurz znsammenfassender Bericht, auf der Heimreise geschrieben.

An Bord „R. M. S. Baltic“, 4, April, 1910.

Während die „Baltic“ unaufhörlich die dunklen Fluten durchschneidet, während jede Urndrehung der Schrauben mich der Heimat näher bringt, fliegen die Gedanken schon hinüber zu den lieben Angehörigen und Freunden. Aber auch zurück fliegen sie, und die Erlebnisse der letzten Monate — fast scheinen sie, wie ein Traum oder wie eine Vorstellung auf der Bühne. Da ist der erste Akt, der Abschied von den lieben Angehörigen, die Reise nach New York. Das Schiff verläßt den Hafen, langsam verschwindet die Freiheitsgöttin in der Ferne. Der Vorhang fällt — wir sind allein auf dem unendlichen Meer.

Die Tage und Nächte werden wärmer; man fühlt und erwartet ein Bild des Südens. Da, am achten Tage hebt sich langsam der Vorhang. Eine Insel taucht aus den blauen Fluten auf: Madeira. Die weißen Häuser mit den roten Dächern an den Bergabhängen leuchten freundlich in der Morgensonne. Jetzt sind wir im Hafen, und welch ein Bild! Während daheim alles unter Eis und Schnee war, ist hier der schönste Frühling: Blumen blühen, Vögel zwitschern; man badet im Freien. Wieder fällt der Vorhang; aber nicht lange warten wir, da zeigt sich uns ein anderes Bild: Cadiz in Spanien. Inmitten von Weingärten und Obstbäumen geht es nach Sevilla. Fremde Sitten und Gebräuche, schöne Landschaften usw. fesseln das Auge. Wieder eine Pause, ein anderes Bild. Eben geht die Sonne auf. Wild und grimmig schaut der Fels von Gibralter auf uns herab! Gibraltar! Ein Schreiber sagt: „Es ist ein Stückchen Afrika, das da an der Südspitze Europas angehängt ist.“ An den Felsen der Ostküste hausen die einzigen in Europa wild lebende Affen. Wo mit großer Mühe auf dein Felsboden Oasen geschaffen sind, da umgibt uns eine üppige afrikanische Vegetation. Mächtige Dattelpalmen mit reifen gelben Früchten, Bananapflanzen, Korkeichen, Drachenbäume usw., überall das dunkle Rot der Geranien, vernüscht mit dem üppigsten Grün. Hoch oben drohen die Kanonen, unten wimmelt es von britischen Soldaten. Das Schiff verläßt den Hafen, wir sind im Mittelländischen Meer. Das nächste ist die Küste Afrikas.

Algier, ein wundersames Bild entfaltet sich da vor unsern Augen. Die Bucht und die Stadt, die terrassenförnig auf den Hügeln liegt, die weißen Häuser, die verschiedenen Bäu- und Gewächse; wild und verwegen sehen die Bootsleute aus, geräuschvoll geht es her. Bei der Abfahrt am Abend zeigt sich uns Algier, die Weiße, noch einmal in der herrlichsten Beleuchtung. Es ist nicht mehr das grelle Weiß, das uns am Tage entgegenleuchtete; wie das matte Weiß der Lotosblume aus dem dunkelgrünen Blätterkelch hervorbricht, so hebt sich das weiße Algier nun, vom hellen Mondlicht umflossen, vom dunkelgrünen Hintergrunde ab. Das letzte, was wir von Algier sahen, ist das große helle Licht seines achteckigen Leuchttnrms, das uns noch meilenweit begleitete, der letzte Gruß von Algier, dem Lande der Sonne.

Nichts, als die blauen Gewässer des Mittelmeeres bis zur Frühe des Morgens. Da taucht wieder eine Insel auf: Malta, die Blume der Welt, wie der Malteser sagt. In Valetta, inmitten von mächtigen britischen Festungen, geht das Schiff vor Anker. Ja, schön und fruchtbar ist Malta, und welche Bilder alter Vergangenheit ziehen am Geiste vorüber! Unter dem Hurrahrufen der britischen Rotröcke verläßt das Schiff Malta.

Griechenland! Ein wunderbares Gefühl beschleicht das Herz des Reisenden bei dem Betreten dieses alten historischen Landes. —— Athen. Hier lebten und wirkten die Weisen Griechenlands. Hier war ein Paulus usw.

Die Türkei ist das nächste Ziel. Nach kurzer Unterbrechung passierten wir die Dardanellen, Konstantinopel liegt vor uns. Aus der Ferne gesehen, wenn die Sonne hell die weißen Paläste beleuchtet, dazwischen die vielen Dome, Minarets, die majestätisch das weiße Häusermeer überragen, so machte die Stadt einen märchenhaft schönen Eindruck. Zwischen zwei Seen und zwei Kontinenten liegt die Stadt am goldenen Horn. Inwendig ist die Stadt schmutzig und wimmelt von Hunden. Durch den Bosporus geht das Schiff ins Schwarze Meer, kehrt um— und wieder eine Unterbrechung.

Smyrna liegt vor uns. Chas. Warner sagt, eine asiatische Stadt mit einem europäischen Gesicht. Die Bahn bringt uns nach Ephesus. O Ephesus, wo ist dein einstiger Glanz und Pracht? Zwar sind noch Spuren einstiger Größe, und diese reden eine ernste Sprache. Der Tempel der Diana ist fast dem Erdboden gleichgemacht. Das neue Ephesus ist klein und unbedeutend.

Zurück aufs Schiff und weiter, weiter! Beirut liegt vor uns, ein bedeutender Seehafen und eine große, mehr dem europäischen Charakter zeigende Stadt. Eine Zahnradbahn bringt uns auf das Libanon-Gebirge. Schnee hier oben, während unten die zartesten Blümlein blühen. Baalbeck ist das nächste Ziel. Baalbeck, dieser alte Tempel Baals, aus riesigen Steinen erbaut, jetzt in Ruinen. Der Zug bringt uns nach Damaskus, der ältesten Stadt der Welt. Diese Stadt muß man sehen, um einen kleinen Begriff davon zu bekommen.

Zurück ging’s wieder, und das nächste war Jaffa, das alte Joppe. Auch hier hat das Dampfroß schon seinen Einzug gehalten. Wir bestiegen dasselbe, und voll Erwartung traten wir die kurze Reise nach Jerusalem an. Orangen- und Oelbäume, üppig grünes Getreide, überall wilde Blumen, besonders die tiefrote Rose von Saron. Nachdem die Ebene durcheilt war, die wunderschöne Saronebene, fuhren wir in das Gebirge ein und bald waren wir in Jerusalem, durchs Tor fuhren wir in die Stadt ein.

Hier ist es, wo der Besucher sagen möchte: „Geh und laß mich mit meinen Gedanken allein.“ Wenn man auf dem Berge Zion sitzt und seine Blicke hinüberschweifen läßt über das Tal Jehosaphat, dem Kidron, zum Oelberge (uns bezeichnen einige Zypressen und Oelbäume den Garten, Gethsemane), da zieht langsam die Vergangenheit vorüber. Abraham soll da gewesen sein. Ein David sang seine Psalmen hier, doch das größte von allem: hier wurde das Lösegeld für die ganze Menschheit bezahlt.

Nach Bethlehem ging´s, nach dem Jordan, sowie nach dem Toten Meere und Jericho; nach Bethanien, wo das Grab des Lazarus ist, wo wir hinabstiegen. Wir verlassen das heilige Land, nach Aegypten, der einstigen Kornkammer der Welt geht es. Hoch ragen die Pyramiden empor, tropische Gewächse umgeben uns, unbekannte Vögel singen in den Zweigen, langsam wälzt der Nil seine Fluten dem Meere zu. Die Tempel von Luxor, Karnak und Theben geben Zeugnis von einstiger Macht und Größe.

Hinüber nach dem nördlichen Ufer des Mittelmeeres bringt uns das Schiff. Sizilien, der schönste Teil von Italien. Ein Schreiber sagt: Jtalien ohne Sizilien hinterläßt keinen Eindruck in der Seele. Göthe sagt: Sizilien ist der Schlüssel zu allem. Dies bezieht sich in erster Hinsicht auf die landwirtschaftliche Schönheit und Vegetation. Hier weht in der Tat ein sanfter Wind vom blauen Himmel und Myrte, Lorbeer und Zypressen erheben ihre dunklen Häupter, wie ernste Denkmäler dieser lachenden und so überwältigend großartigen Landschaft.

Das nächste ist Neapel, Italien. Wir fahren in die schöne Bucht von Neapel ein. Hinter dem vorspringenden Kap Miseno, einst der glünzendste Badeort der römischen Kaiserzeit, — die kastellgekrönte Insel Nisida. Im Hintergrunde der Bucht das Häusermeer von Neapel, weiter nach rechts der zweigipflige Vesuv, weiße Rauch und Dampfwolken emporsendend, dessen Fuß zahlreiche weiße Ortschaften umgeben. Das Museum ist sehr interessant. Durch eine fruchtbare Ebene eilt der Zug. Rom ist unser nächstes Ziel. Hier gibt es des Interessanten so viel zu sehen, daß die vier Tage, die wir hier waren, kaum zureichten, die wichtigsten Dinge, in Augenschein zu nehmen. Zurück ging’s nach Pompeji; wo wir einen Tag in den Ruinen dieser einfügen Stadt weilten. Von hier eilten wir nach Villefranche und über die berühmte Cornische nach Monte Carlo. Ich hatte hier Gelegenheit, das Leben und Treiben in der größten Spielhölle der Welt zu beobachten. Riesige Summen werden gewonnen, aber meistens verloren. Diesem Treiben sollte Einhalt geboten werden. — Nizza ist der nächste Platz, wo wir absteigen, und sicherlich sehenswert. Wieder geht es nach Italien, in Genua unterbrachen wir die Reise. Von hier geht’s nach der Schweiz, über die Alpen, durch den St. Gotthardt nach Luzern. Hier finden wir die freundlichsten Gesichter, die zufriedensten Leute, die wir auf der Reise gesehen haben.

Am 2. April bestieg ich in Liverpool die „Baltic“, diesen guten Samariter des Ozeans, und heimwärts, scheinbar viel zu langsam, eilen wir auf der weiten Wasserfläche des Ozeans dahin.

Der letzte Akt, die Heimkehr, fehlt noch, und ich denke, er wird der interessanteste von allen sein.

E n d e.